{"id":2426,"date":"2012-04-17T14:21:35","date_gmt":"2012-04-17T12:21:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/?p=2426"},"modified":"2012-04-18T12:46:53","modified_gmt":"2012-04-18T10:46:53","slug":"review-der-klang-der-familie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/2012\/04\/17\/review-der-klang-der-familie\/","title":{"rendered":"review: felix denk \/ sven von th\u00fclen: der klang der familie"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/dp\/B007K95CWU\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2428\" title=\"klangderfamilie\" src=\"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-content\/data\/2012\/04\/klangderfamilie.jpg\" alt=\"\" width=\"403\" height=\"640\" srcset=\"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-content\/data\/2012\/04\/klangderfamilie.jpg 403w, https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-content\/data\/2012\/04\/klangderfamilie-188x300.jpg 188w\" sizes=\"auto, (max-width: 403px) 100vw, 403px\" \/><\/a><\/p>\n<p>es ist ja nicht so, dass techno und berlin als thematische konstellation neu f\u00fcr den suhrkamp-verlag w\u00e4re. tobias rapp hat mit <a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/lost_and_sound-tobias_rapp_46044.html\">&#8222;lost and sound&#8220;<\/a> vor drei jahren bereits ein werk vorgelegt, welches den status quo der stadt anschaulich geschildert hat. leider kam mir f\u00fcr eine rezension immer etwas dazwischen, bis das vorhaben irgendwann obsolet war. innerhalb der szene provozierte die abhandlung \u00fcber den easyjetset vorwiegend die frage, ob das wirklich n\u00f6tig gewesen w\u00e4re, den allgegenw\u00e4rtigen berlin-hype feuilletongerecht aufzubereiten und somit noch mehr anzufachen. dazu gesellte sich das berlin-typisch arrogante g\u00e4hnen, weil es eh omnipr\u00e4sente fakten rekapitulierte.<br \/>\ndie einw\u00e4nde m\u00f6gen ja alle berechtigt gewesen sein, aber die berliner arroganz \u00fcbersieht auch gerne mal, dass einige au\u00dferhalb der stadtmauern und der party-generation etwas mehr \u00fcber das wissen m\u00f6chten, was in den easyjet-brosch\u00fcren so drin steht. mit anderen worten: das buch war ideal als lekt\u00fcre f\u00fcr die eltern geeignet, damit auch sie die gr\u00fcnde nachvollziehen k\u00f6nnen, weshalb sich ihre spr\u00f6sslinge p\u00fcnktlich zum wochenende ins auto oder in den flieger setzen und eine woche sp\u00e4ter mit schatten unter den augen wieder zur\u00fcckkehren.<br \/>\ndarin liegt f\u00fcr meine begriffe der (mehr-)wert von rapps zusammenfassung des wasserstandes von 2009. in ungef\u00e4hr zehn jahren wird man aufgrund der schnelllebigen entwicklung der szene sicherlich gerne darauf zur\u00fcckgreifen wollen &#8211; darin bin ich mir ziemlich sicher (und irgendwie erleichtert, doch noch so etwas wie eine halb-rezension zustande gebracht zu haben).<\/p>\n<p>nun also felix denk und sven von th\u00fclen, beides gestandene <a href=\"http:\/\/de-bug.de\">de:bug<\/a>-redakteure, fest in der szene verwurzelt. sie machen das, wovor einem als historiker eigentlich immer graust: sie f\u00fchren interviews mit namhaften protagonisten und zumindest nicht ganz so prominenten szeneg\u00e4ngern aus der bl\u00fctezeit und kreieren auf diese weise ein riesig anmutendes interview, bei dem alleine die anzahl der beteiligten erschlagend wirkt. die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Oral_History\">oral history<\/a> birgt ja stets die gefahr, dass die autobiographische perspektive &#8211; gerade nach einigen jahren &#8211; zur sch\u00f6nf\u00e4rberei neigt und wichtige details vergessen oder verschwiegen werden.<br \/>\nkein leichtes unterfangen also: um die 150 interviews f\u00fchren, 240 stunden audiomaterial auswerten und systematisieren, dann noch eine zusammenh\u00e4ngende geschichte erz\u00e4hlen (lassen), ohne den leser mit details zu langweilen? kann das gutgehen? interessiert das \u00fcberhaupt jemanden (gerade au\u00dferhalb berlins)? ist das nicht eher eine selbstbeweihr\u00e4ucherung aller beteiligten, die ihre \u00fcberheblichkeit angesichts ihrer verdienste spielen lassen?<\/p>\n<p>da kommt es wohl darauf an, welche fragen man stellt und welche gedanken man sich dar\u00fcber macht, wie der leser an die thematik herangef\u00fchrt werden soll. dieser wird daher nicht mit der ersten loveparade anno 1989 ins kalte wasser geworfen, sondern gleitet ab beginn der 1980er-jahre aus zwei perspektiven hinein ins geschehen. da w\u00e4ren zum einen die westberliner, die sich nach abebben der hausbesetzer-bewegung und fehlenden musikalischen glanzlichtern in punk, industrial und new wave in lethargie erging, die als &#8222;berliner krankheit&#8220; bekannt wurde. zum anderen die ostberliner um wolle xdp und johnnie stieler, entweder im breakdance oder im punk verwurzelt, was gleicherma\u00dfen ungern gesehen war.<br \/>\nanschlie\u00dfend der grundstein mit acid house im westteil mit der turbine und dem ufo, bevor man zur ersten loveparade und der gr\u00fcndung des hardwax kommt. ostberlin wird via radio vom neuen sound infiziert, zeigt sich zwar bei der mauer\u00f6ffnung ern\u00fcchtert vom einheitstaumel, jedoch umso begeisterter von den ersten zarten bl\u00fcten, die das neue nachtleben so treibt.<br \/>\nvon da an reicht es, den rest in schlagworte zu fassen: tekknozid, dt64, die loveparade 1991, mayday, planet, frontpage, somewhere over the rainbow usw. usf.<\/p>\n<p>s\u00e4mtliche beteiligte lassen es nicht an detailreichtum fehlen. so wird man die entdeckung und herrichtung des tresors in der leipziger stra\u00dfe nirgendwo sonst so ausf\u00fchrlich dargestellt bekommen (nicht mal in der <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/dp\/B007BWUGFY\/\">subberlin-dokumentation<\/a>). die querelen zwischen wolle xdp \/ tekknozid und low spirit \/ mayday werden ebenfalls skizziert, jedoch leider nicht die hintergr\u00fcnde, weshalb monika dietl bei der umstrukturierung des programms von radio 4u gegen\u00fcber marusha die k\u00fcrzere ziehen musste (was jedoch bei tanith einerseits <a href=\"http:\/\/www.tanith.org\/?p=1931\">hier<\/a> und andererseits <a href=\"http:\/\/www.tanith.org\/?p=2065\">da<\/a> nachzulesen ist).<br \/>\ndazu die geschichten um das <a href=\"http:\/\/www.ewerk.net\/\">e-werk<\/a>, einerseits faszinierend (wenn man bedenkt, dass bereits 1991 dort unter bedingungen gefeiert wurde, die der bauaufsicht mehr als ein dorn im auge gewesen w\u00e4ren), andererseits erschreckend, was dessen attraktivit\u00e4t f\u00fcr das organisierte verbrechen angeht. auch der bunker kommt als gegenpol &#8211; und keimzelle des sp\u00e4teren ostguts und heutigen berghains &#8211; nicht zu kurz. was die kudamm-zeiten der frontpage angeht, sind die stories um jl ein gutes beispiel dessen, was im techno richtig und schief zugleich gelaufen ist.<\/p>\n<p>das gro\u00dfe verdienst des buches ist zweierlei:<br \/>\nerstens hat es die gefahr der nachtr\u00e4glichen verkl\u00e4rung der geschichte wunderbar umschifft. alleine die anzahl der beteiligten f\u00f6rdert so eine vielzahl an perspektiven zutage, dass dem leser keine in stein gemei\u00dfelte version der geschehnisse vorgesetzt wird. der wird sich stattdessen denken, dass die wahrheit irgendwo dazwischen liegen wird oder (naheliegender) noch mehr stimmen dazu h\u00f6ren wollen. \u00e4u\u00dferst lobenswert ist, wie ungesch\u00f6nt die aussagen in bezug auf den eigenen drogenkonsum oder die schattenseiten des zur oberfl\u00e4chlichkeit neigenden nachtlebens sind. so ist eine authentische darstellung techno-berlins bis zur mitte der 1990er-jahre zustande gekommen, die erz\u00e4hlungen derjenigen vereint, auf die man auch heute noch hier und dort treffen kann. aber ehe diese in die missliche lage kommen, ihre geschichten von fr\u00fcher wieder und wieder erz\u00e4hlen zu m\u00fcssen, k\u00f6nnen sie jetzt einfach auf das buch verweisen.<br \/>\nzweitens ist die einbettung der entwicklung der szene in den (musik-)historischen zusammenhang des noch getrennten berlins und \u00fcberhaupt der gesamte dramaturgische aufbau (inklusive des exkurses zu den detroitern) nicht weniger als beispielhaft. dabei kommt den autoren auch zugute, dass die szene zumindest in den anfangsjahren noch \u00e4u\u00dferst \u00fcberschaubar war und erst die kommerzialisierung ihren teil dazu beitrug, dass sich absplitterungen bildeten, die nachtr\u00e4glich nur schwer zu rekonstruieren sind. als kritikpunkte fielen mir ein, weshalb das wmf eigentlich nirgendwo erw\u00e4hnt wird, da dies trotz mehrmaligem umzugs eine der ersten adressen war. ebenso das elektro, welches sich zwischen tresor und e-werk befand. apropos e-werk: da fehlt woody als einer der residents. allerdings kann man auch die frage stellen, wieviele clubs und protagonisten man ins boot holen kann, so dass der lesefluss nicht leidet.<\/p>\n<p>wird das buch dem aktuellen hype darum gerecht? eindeutig mehr als das. mal abgesehen von den geschilderten kleinen makeln hat man es meiner meinung nach schon jetzt mit einem standardwerk zu tun, welches die grundlagen dessen, was tobias rapp beschreibt, in \u00e4u\u00dferst lebendiger form pr\u00e4sentiert. w\u00e4hrend bei ihm viele fragen zum stand der dinge beantwortet werden, ist &#8222;der klang der familie&#8220; die geb\u00fcndelte form von dessen urspr\u00fcngen, die man eines tages den (enkel-)kindern in die hand dr\u00fccken kann.<br \/>\nspannender kann techno-geschichte nicht sein. ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, wann ich das letzte mal ein buch derma\u00dfen verschlungen habe. den beiden autoren geb\u00fchrt f\u00fcr ihre m\u00fche h\u00f6chster respekt und dank, ich hoffe stark auf eine fortsetzung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>es ist ja nicht so, dass techno und berlin als thematische konstellation neu f\u00fcr den suhrkamp-verlag w\u00e4re. tobias rapp hat mit &#8222;lost and sound&#8220; vor drei jahren bereits ein werk vorgelegt, welches den status quo der stadt anschaulich geschildert hat. leider kam mir f\u00fcr eine rezension immer etwas dazwischen, bis das vorhaben irgendwann obsolet war.&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_lmt_disableupdate":"","_lmt_disable":"","footnotes":""},"categories":[13,2,10],"tags":[],"class_list":["post-2426","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fortbildung","category-musik","category-wissenswertes"],"modified_by":"stype","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2426","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2426"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2426\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2434,"href":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2426\/revisions\/2434"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2426"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2426"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2426"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}