{"id":471,"date":"2007-09-29T21:02:32","date_gmt":"2007-09-29T19:02:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/?p=471"},"modified":"2007-10-02T14:47:23","modified_gmt":"2007-10-02T12:47:23","slug":"hausmusik-verlasst-die-buhne-des-vertriebsgeschehens-oder-gedanken-zur-zukunft-des-umganges-mit-musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/2007\/09\/29\/hausmusik-verlasst-die-buhne-des-vertriebsgeschehens-oder-gedanken-zur-zukunft-des-umganges-mit-musik\/","title":{"rendered":"hausmusik verl\u00e4sst die b\u00fchne des vertriebsgeschehens oder: gedanken zur zukunft des umganges mit musik"},"content":{"rendered":"<p>ich habe jetzt nicht mehr im hinterkopf, wieviele labels efa seinerzeit unter den fittichen hatte, bei <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2007\/38\/hausmusik\" target=\"_blank\">hausmusik<\/a> waren es aber ebenfalls einige liebhaberst\u00fccke (es reicht aus, alleine basic channel zu nennen), und so langsam wird die frage echt akut, was die zukunft der musikdistribution und vor allem deren verkauf angeht.<\/p>\n<p>wer &#8211; gerade in j\u00fcngster zeit &#8211; hier mitgelesen hat, wird auch meine gewachsene affinit\u00e4t zu mp3-k\u00e4ufen bemerkt haben. auch wenn die hardware-software-l\u00f6sung bei mir alleine aus finanziellen gr\u00fcnden noch aussteht, gew\u00f6hne ich mich tag f\u00fcr tag mehr an den gedanken, zuk\u00fcnftig h\u00f6chstens mit einem notfallpaket an platten im club aufzutauchen, in dem im idealfall ein stabil laufendes system fest installiert ist, wo man h\u00f6chstens noch seine externe festplatte anschlie\u00dfen muss, um loslegen zu k\u00f6nnen.<br \/>\neine sch\u00f6ne utopie, so liegt es jedenfalls nahe. der bandscheibenvorfall, zur\u00fcckzuf\u00fchren auf den transport von 50 plus x platten, r\u00fcckt erstmal in weite ferne. man l\u00e4uft nicht gefahr, dass die nach 4 jahren suche f\u00fcr 20 euro endlich ergatterte ep einer bierdusche im club ausgesetzt wird, von st\u00e4ndiger besorgnis um die vollst\u00e4ndigkeit des tascheninhalts und dem sonstigen verschlei\u00df ganz zu schweigen. auch diverse quadratmeter in den eigenen vier w\u00e4nden m\u00fcssen nicht mehr so schnell mit weiteren bonde-regalen verstellt werden, weil ein gro\u00dfer teil der eink\u00e4ufe nunmehr auf 3,5 statt auf 12, 10 oder 7 zoll lagert. eine sicherheitskopie des ganzen lagert dezentral und sicher, so dass man sich sicher sein kann, die sammlung im notfall wieder beisammen zu haben.<br \/>\nim grunde k\u00f6nnte man also frohlocken, dass diesem schweren, verschlei\u00dfanf\u00e4lligen, empfindlichen tontr\u00e4ger namens &#8222;schallplatte&#8220; 25 jahre nach der cd sein vermeintlich wirklich letztes st\u00fcndlein geschlagen hat und die zukunft den vergleichsweise klar klingenden dateien geh\u00f6rt, in welchem format auch immer sie angeboten werden, nur hat die medaille eben auch eine andere seite.<\/p>\n<p>stolziert man aufmerksam durch die beiden in berlin neuer\u00f6ffneten giganten der unterhaltungselektronikm\u00e4rkte (saturn am europa-center, media-markt im alexa &#8211; verteilt auf f\u00fcnf, bzw. vier etagen), wird man in der tontr\u00e4gerabteilung neben der obligatorischen cd-auswahl sicherlich das angebot an vinyl bemerken. der trend war in den letzten jahren schon zu beobachten, dass das schwarze gold nicht mehr nur im bereich dj-relevanter musik gefragt ist, sondern auch im rock-sektor wieder alben ver\u00f6ffentlicht werden. auf der ifa k\u00fcrzlich begegnete meinem vater und mir am marantz-stand ein mitarbeiter, der auf unsere feststellung, dass sie auf einmal wieder plattenspieler ausstellen (und dies wohlgemerkt nicht extra in einer high-end-halle, wo man sie neben transrotor und co. vermuten w\u00fcrde), nur entgegnete, dass die nachfrage dazu tats\u00e4chlich vorhanden w\u00e4re.<br \/>\nist nat\u00fcrlich begr\u00fc\u00dfenswert. vinyl: kein drm, sch\u00f6nes gro\u00dfes cover, die eben angesprochene schw\u00e4che der empfindlichkeit des tontr\u00e4gers wird auf einmal zur st\u00e4rke, weil ein vorsichtiger umgang mit ihm zugleich die identifikation mit der erworbenen musik steigert. und wenn man doch mal ehrlich ist: selbst cd-player mit durchsichtigem deckel, von wo aus man den silberling in seinen drehungen beobachten konnte, sind absolut nichts gegen eine sich drehende schallplatte, durch die sich ein tonarm mit einem angenehm klingenden tonabnehmersystem arbeitet. der im vergleich zur cd alles andere als perfekte klang macht seine defizite im hoch- und mitteltonbereich (gerade je n\u00e4her man in richtung mitte gelangt) durch eine sch\u00f6ne analoge w\u00e4rme mehr als wett. gerade djs k\u00f6nnen ob ihres augenmerks auf bassbetonter musik au\u00dfenstehende mit ihren diskursen \u00fcber die masteringqualit\u00e4ten von diesen oder jenen studios zur wei\u00dfglut treiben, womit ich sie auf eine stufe mit den audiophilen puristen stelle, deren h\u00f6chstes vergn\u00fcgen es zu sein scheint, die unterschiede zwischen verschiedenen pressungen von pink floyds &#8222;dark side of the moon&#8220; zu analysieren. \u00fcber die wiederauferstandenen hifi-puristen war demletzt in der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2007\/35\/HiFi\" target=\"_blank\">zeit<\/a> zu lesen, das w\u00fcrde hier zu weit f\u00fchren.<\/p>\n<p>die grenzen zwischen den musikh\u00f6rern scheinen neu gezogen zu werden. den gro\u00dfteil der konsumenten scheinen diejenigen auszumachen, die sich ihre musik massenweise &#8211; legal oder illegal &#8211; aus dem netz holen und dabei keinen gedanken darauf verschwenden, mit welchen methoden der codec in der dateiendung arbeitet. m4a, aac, ogg, wma, mp3 &#8211; hauptsache, der rechner spielt es irgendwie und ich kriege es hin, mir davon meine lieblings-cd zusammenzustellen. neben der retorten-qualit\u00e4t derzeitiger popmusik, welche die schw\u00e4che einer gesamten industrie offenbart, die besser auf nummer sicher geht und den schnellen euro mit acts macht, auf die man bereits monate im voraus ausgiebigst via halbseidenen casting-formaten vorbereitet wird, ist dieser neue umgang mit musik, der einen nicht mehr dazu zwingt, sich gesamte alben anh\u00f6ren zu m\u00fcssen (hand auf&#8217;s herz: die guten alben der meisten one-hit-wonder lassen sich wirklich an einer hand abz\u00e4hlen.), der hauptgrund daf\u00fcr, weshalb das albumformat &#8211; und damit k\u00fcnstler mit tats\u00e4chlichem profil &#8211; nicht mehr so gefragt sind wie noch vor einem jahrzehnt.<br \/>\nam anderen ende steht der musikfanatiker &#8211; eine mindestens vierstellige anzahl an tontr\u00e4gern im haus, inkl. sich st\u00e4ndig dar\u00fcber beklagendem oder wenigstens kopfsch\u00fcttelndem lebensabschnittspartner, findet jeden tontr\u00e4ger innerhalb von f\u00fcnf minuten auf zuruf, kann einem wenigstens was zum erscheinungsjahr sagen, wo, in welchem laden, in welcher lebensphase man das alles gekauft hat, und als dj sogar noch, welche tanzfl\u00e4che man damit leergefegt hat.<\/p>\n<p>um die letzte spezies geht es mir prim\u00e4r. ist da nicht ein umbruch im gange? serato, traktor scratch, ableton live &#8211; sind das nicht alles systeme, die mittlerweile so ausgereift sind, dass der umgang damit nicht mehr l\u00e4nger zum haareraufen f\u00fchrt, sondern tats\u00e4chlich einen derartig reibungslosen ablauf gew\u00e4hrleisten, dass es sogar richtig spa\u00df macht und man es keine sekunde bereut, das schwere case daheim gelassen zu haben?<br \/>\nsind sie. und darin liegen sowohl fluch, als auch segen des ganzen. wie an dem hausmusik-ende erkennbar wird, scheinen es independent-labels mittlerweile richtig schwer zu haben, \u00fcberhaupt noch richtige tontr\u00e4ger abzusetzen, sofern sie nicht auch auf digitale vertriebswege setzen. ich gebe selbst zu, dass auch ich mittlerweile nach labels differenziere, bei denen ich dank online-verf\u00fcgbarkeit geld, zeit und platz spare, und den sahnest\u00fccken, die es nicht digital zu kaufen gibt und auch z.t. als prestigeobjekt ins regal wandern m\u00fcssen. viele beklagen den massiven einbruch von plattenverk\u00e4ufen in den letzten jahren, was ich bislang nicht so recht wahrgenommen habe. besuche beim hardwax oder bei der space hall zeigen nach wie vor ein anderes bild: die regale sind voll, die belegschaft macht nicht den eindruck, als w\u00fcrde sie sich den lieben langen tag vor lauter unt\u00e4tigkeit fragen, weshalb man heute \u00fcberhaupt aufgestanden sei, aber h\u00f6rt man sich bei labelmachern (abseits von mobilee und anderen konsens-labels der groove-charts) oder vertrieben um, scheint es mit dem umsatz veritabler tontr\u00e4ger echt nicht rosig auszusehen.<br \/>\nso komfortabel die vertriebsanh\u00e4ngigen portale (wo wordandsound gerade mit <a href=\"http:\/\/www.whatpeopleplay.com\/\" target=\"_blank\">whatpeopleplay.com<\/a> einen neustart gewagt hat, der dem alten portal schon jetzt im beta-stadium locker den rang abl\u00e4uft) auch sind: sie k\u00f6nnen einen kompetenten plattenh\u00e4ndler nicht ersetzen, bzw. der prozess der vorab-selektion, welche die einkaufspolitik der hiesigen plattenl\u00e4den so pr\u00e4gt, liegt komplett bei einem selbst. ist zwar schon wieder gut, weil man damit im idealfall die neuheiten ungefiltert zur verf\u00fcgung hat, andererseits wei\u00df jeder, dass es nach der 20. minimal-platte einfach keine laune mehr macht, sich auch noch die n\u00e4chsten vier dutzend anzuh\u00f6ren &#8211; in der hoffnung, dass etwas gutes dabei ist. sicher, dann kann man sich auch fragen, weshalb man sich \u00fcberhaupt daf\u00fcr entschieden hat, weite teile seines netto-monatseinkommens daf\u00fcr aufzuwenden, wenn man es nur so bequem wie m\u00f6glich haben will, und ich glaube, auch beim virtuellen einkauf werden schnell die mechanismen greifen, wie sie sich ein jeder nach zwei bis drei jahren intensiveinkauf angeeignet hat. allerdings ist das repertoire vertriebsanh\u00e4ngiger downloadportale oder mp3-superm\u00e4rkte \u00e0 la beatport so gro\u00df, dass es f\u00fcr eigentlich gute ver\u00f6ffentlichungen schwieriger wird, sich im mittelma\u00df zu behaupten, weil sie gefahr laufen, darin unterzugehen. betrachtet man es realistisch, ist es mit dem einzug von mp3 wesentlich leichter geworden, mittelm\u00e4\u00dfige musik anzubieten, wenn sich einem label schon nicht die frage nach presskosten etc. stellt. auch da werden hoffentlich bald &#8211; wie im vinyl-sektor &#8211; die gesetze des marktes greifen.<br \/>\nmir machen daher die leidenschaftlichen plattenh\u00e4ndler etwas sorgen &#8211; dieser f\u00fcr au\u00dfenstehende merkw\u00fcrdige menschenschlag, von denen so gut wie jeder einzelne 10.000 plus x titel kennt und neben dem wahren des musikalischen erbes (welcher richtung auch immer) auch ein ohr f\u00fcr k\u00fcnftige trends hat. ich genie\u00dfe es eigentlich immer, sofern jemand dieser plattenh\u00e4ndler auch irgendwo in einem namhaften club spielt, weil ich mir sicher sein kann, dass dabei keine x-beliebigen charts oder nur die hei\u00dfesten promos gespielt werden, nur um zu zeigen, dass man mit dieser oder jener clique ganz dicke ist. sie sehen lieber zu, dass sie den leuten im club das bieten, was sie in ihrem vollzeitjob hinter der ladentheke auch am meisten beeindruckt hat &#8211; auch nachvollziehbar, wenn man sich weite teile des gesch\u00e4ftslebens mit beliebig austauschbaren platten auseinandersetzen muss. solchen leuten ist es zu verdanken, dass musik mit profil in den clubs zu h\u00f6ren ist, und dieses profil spiegelt sich zugleich im angebot des jeweiligen ladens wider. je nach pr\u00e4ferenz wandert man als k\u00e4uferlemming eben h\u00e4ufiger dorthin.<br \/>\nfalls es &#8211; und die zeichen stehen eindeutig daf\u00fcr, wirft man einen blick auf die entwicklungen bei dj-hardware &#8211; darauf hinausl\u00e4uft, dass der handel mit musik nicht mehr auf physischen tontr\u00e4gern basiert und fast ausschlie\u00dflich dezentral stattfindet, bricht den plattenl\u00e4den &#8211; und letztendlich auch manchen vertrieben &#8211; die existenzgrundlage weg (es sei denn, man startet den verkauf l\u00e4ngst vergriffener rarit\u00e4ten, von denen sicherlich nie dateien in portalen auftauchen werden). sicher, den musikalischen anspruch werden die nun arbeitslosen plattendealer weiterhin wahren und ihre dj-existenz hoffentlich nicht an den nagel h\u00e4ngen, aber so lobenswert ein community-ansatz wie bei playwordandsound auch ist &#8211; er ersetzt die soziale interaktion im laden in keinster weise. sch\u00f6n zu wissen, dass ein laurent garnier diese oder jene platte in seine sets einbaut, aber die entdeckung verborgener sch\u00e4tze auf gestempelten whitelabels beim w\u00fchlen im neuheitenregal bleibt damit auf der strecke. im plattenladen riskiert man es eher, mal ein paar sekunden daf\u00fcr zu investieren, bei den mp3-stores ist aufgrund der f\u00fclle des angebotes eine unendliche geduld notwendig.<\/p>\n<p>klar, der clubg\u00e4nger macht sich \u00fcber sowas eher weniger gedanken. solange irgendetwas mit identifizierbarem takt aus der pa erschallt, ist die welt auch in ordnung. dem dj oder intensiven musikkonsumenten droht aber der verlust der instanzen, die den musikalischen geschmack neben den clubs schulen und erweitern, was auf parties &#8211; an orten, wo musik unmittelbar erfahren wird &#8211; wegen der dienstleistung am hedonistisch umtriebigen kunden nur bedingt m\u00f6glich ist. ich hoffe daher, dass liebhaberlabels sich nicht der musikalischen beliebigkeit preisgeben und sich aus bequemlichkeit f\u00fcr den ausschlie\u00dflich digitalen vertriebsweg entscheiden, sondern mit tats\u00e4chlichen tontr\u00e4gern dazu beitragen, dass die spezies der vinylnerds doch nicht so schnell in vergessenheit ger\u00e4t. dazu h\u00e4nge ich einfach zu sehr am gesamten ablauf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ich habe jetzt nicht mehr im hinterkopf, wieviele labels efa seinerzeit unter den fittichen hatte, bei hausmusik waren es aber ebenfalls einige liebhaberst\u00fccke (es reicht aus, alleine basic channel zu nennen), und so langsam wird die frage echt akut, was die zukunft der musikdistribution und vor allem deren verkauf angeht. wer &#8211; gerade in j\u00fcngster&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_lmt_disableupdate":"","_lmt_disable":"","footnotes":""},"categories":[2,10],"tags":[],"class_list":["post-471","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musik","category-wissenswertes"],"modified_by":null,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/471","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=471"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/471\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=471"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=471"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=471"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}