{"id":6024,"date":"2020-08-17T15:35:51","date_gmt":"2020-08-17T13:35:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/?p=6024"},"modified":"2020-08-22T16:44:15","modified_gmt":"2020-08-22T14:44:15","slug":"exberliner-im-interview-mit-nd_baumecker-zum-clubbing-waehrend-und-nach-der-pandemie-plus-eigenem-essay-dazu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/2020\/08\/17\/exberliner-im-interview-mit-nd_baumecker-zum-clubbing-waehrend-und-nach-der-pandemie-plus-eigenem-essay-dazu\/","title":{"rendered":"exberliner im interview mit nd_baumecker zum clubbing w\u00e4hrend und nach der pandemie (plus eigenem essay dazu)"},"content":{"rendered":"\n<p>da der text ein pl\u00e4doyer und damit ziemlich lang geworden ist, kommt der link zum ausschlaggebenden und h\u00f6chst relevanten interview zuerst. dessen kernpunkte k\u00e4ue ich verlauf eh wieder:<br><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.exberliner.com\/features\/people\/club-culture-is-being-reborn\/\" target=\"_blank\">&#8222;club culture is being reborn&#8220;<\/a><br><br>es ist kein sonderlich gro\u00dfes geheimnis, dass ich nd gegen\u00fcber aus gr\u00fcnden voreingenommen bin. vor wochen hatte er bei instagram einen ausschnitt des interviews hochgeladen und ich mir daher die print-ausgabe gekauft, die auch neben seiner weitere relevante perspektiven zu bieten hat. au\u00dferdem kann es f\u00fcr meine begriffe nicht schaden, den verlegern zu signalisieren, dass sich print-ausgaben lohnen sollen.<br><br>ja sicher (und gerne nochmal): mir fehlt das ausgehen als ausgleich zum alltag oder zum (re)kalibrieren diverser befindlichkeiten immer noch massiv. zwar war die erfahrung am vorletzten sonntag im berghain-garten eine \u00fcberaus positive (sch\u00f6n euphorisches publikum, was einen vorgeschmack auf das liefert, was uns bl\u00fchen k\u00f6nnte, sobald ein impfstoff bereit steht) und auch der oxi garten (ex-polygon) tritt als neuzugang in der clubszene mit fast schon zu ambitionierten line-ups in den letzten wochenenden mit tanz unter freiem himmel auf den plan. das alles sind f\u00fcr mich aber eher notrationen, bis es wieder richtig weitergehen kann.<br>andererseits ist auch mir als clubg\u00e4nger und erst recht als dj mit sinkender anzahl an bookings in den letzten f\u00fcnf bis acht jahren schon aufgefallen, dass das clubgeschehen in der berliner filterblase und auch anderswo (gerade auf festivals) sehr vom rennen um die vordersten pl\u00e4tze gepr\u00e4gt war. als clubg\u00e4nger habe ich gerne daran partizipiert: tolle line-ups, bei denen nicht nur ein, sondern gar zwei bis drei namen pro abend die kinnlade runterfallen lie\u00dfen. dazu noch gelegentliche privilegien f\u00fcr g\u00e4steliste und schon f\u00e4llt das mit der konsumhaltung leicht. die kehrseite der medaille war hier jedoch schon h\u00e4ufiger nachzulesen: gerade der sonntagabend im berghain geriet in den vergangenen drei, vier jahren zur engtanzparty, bei der ich aus kundensicht gerne nur die beobachterposition einnahm, weil ich nicht bei der verteilung um die quadratzentimeter dabei sein wollte. das hat sich mit einf\u00fchrung des wiedereintritts letzten september nur minimal gebessert, wobei ich mir seit geraumer zeit auch die termine ausgesucht hatte, die zu weniger \u00fcberf\u00fcllung f\u00fchrten (oder der andrang ging im letzten halben jahr vor covid-19 allgemein zur\u00fcck). mein letzter besuch im februar diesen jahres war daf\u00fcr jedenfalls ein positives beispiel, mag aber auch schon den vorboten der pandemie geschuldet sein.<br><br>als nur periph\u00e4r im booking involvierter (den teil \u00fcbernehmen bei der bewegungsfreiheit andere mit weniger sorge vor zur\u00fcckweisungen) kann ich nur zu gut nachvollziehen, weshalb nd bereits vor jahren auf die bremse (bzw. als booker der panorama bar vom amt zur\u00fcck) getreten ist. als ob das rennen um die besten pl\u00e4tze auf line-ups auf clubs und festivals nicht genug w\u00e4re (stichwort &#8222;selbstmarketing&#8220; oder &#8222;ellenbogenmentalit\u00e4t&#8220; &#8211; das muss mensch wollen), bekommen booker*innen es mit agenturen und\/oder djs\/live-acts zu tun, die zum gelingen eines line-ups mittlerweile tragend sind, sich dieser rolle nur zu bewusst sind und dies f\u00fcr eine grassierende inflation (also genau das ausleben dieser mentalit\u00e4t) nutzen. der markt hat also auch vor covid-19 in der szene bereits einiges geregelt.<br>wer noch keinen namen hat, macht sich am besten einen, indem ein eigenes label gegr\u00fcndet wird (um im idealfall selbst produzierte und auch noch gute tracks an die damen und herren djs zu bringen) sowie soziale medien an allen ecken und enden bespielt und schl\u00fcsselpersonen so lange behelligt werden, dass sich zumindest die theoretischen chancen erh\u00f6hen, einen platz an der sonne (also auf line-ups in namhafteren clubs) zu sichern.<br>wer einen namen und einen platz in einer booking-agentur hat, kann sich eigentlich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen: drei, vier anfragen oder gar gigs pro wochenende. unterk\u00fcnfte, tolles essen und gratismeilen bei fluglinien (business-class? ja bitte!) inklusive. die kehrseite der medaille (die nd im interview gl\u00fccklicherweise auch benennt): als headliner*in bleibt da nicht mehr viel zeit f\u00fcr das inhaltliche. stattdessen: verwendung der eingespielten rezeptur. manche im publikum nehmen das unkritisch hin (oder erwarten dies sogar) und die musik-nerds stehen am rand und bedauern, weshalb nicht mehr drin ist.<br><br>das mache ich den am zirkus beteiligten djs\/live-acts nur bedingt zum vorwurf: wer die m\u00f6glichkeit hat, sich dadurch den ruhestand abzusichern, soll das tun. die spirale fand ich jedoch in den letzten jahren in mehrfacher hinsicht ungesund:<br>erstens l\u00e4sst sich der marathon aus jetlag, hotelzimmern, drei, vier sets pro wochenenden an jeweils verschiedenen orten mit entsprechenden hilfsmitteln zwar ganz gut aufrecht erhalten. auf dauer geht das jedoch an die k\u00f6rperliche substanz. unter der woche muss entweder die kondition wiederhergestellt, weitere tracks produziert, promos angeh\u00f6rt, plattenl\u00e4den (virtuelle oder physische) durchforstet werden. auch wenn das anfangs nach einem wahrgewordenen traum aussieht: alleine die flut an ver\u00f6ffentlichungen (h\u00e4ufig promos) und damit das djing ist ein vollzeitjob. will mensch das gr\u00fcndlich und mit der ambition erledigen, nicht stets das gleiche set spielen zu wollen, l\u00e4sst sich das (mit den erw\u00e4hnten stellschrauben zum erlangen von gigs) eigentlich nur bewerkstelligen, wenn schlaf und privatleben weitestgehend gestrichen werden. es w\u00e4re an der stelle (und vor allem zu diesem zeitpunkt, bei dem die szene zwangsl\u00e4ufig inneh\u00e4lt) \u00fcberaus interessant, namhaften djs die frage zu stellen, inwieweit sie in den letzten jahren anzeichen eines burn-outs bei sich bemerkt haben.<br>zweitens wurde damit eine ungesunde erwartungshaltung beim publikum gef\u00f6rdert, wodurch das clubgeschehen zu einer kleineren kopie von festivals geworden ist. ich habe die erste welle mitte der 1990er-jahre zwar nur als sch\u00fcler mit der durch low spirit und frontpage getriebenen vermarktung mitbekommen und diese auch weitaus unkritischer als heute als einstieg genommen, sehe aber durchaus parallelen zu damals &#8211; mit dem unterschied, dass diese bewegung noch globaler geworden ist. dabei finde ich es einerseits toll, dass techno nicht mehr das nischendasein wie damals f\u00fchrt, f\u00fcr das mensch sich rechtfertigen muss. gerade im bereich der relevanz der clubkultur f\u00fcr attraktive(re) st\u00e4dte und damit auch deren planung sowie der pr\u00e4ventiven drogenaufkl\u00e4rungsarbeit ist seither einiges passiert. zumindest haben die aus der bewegung stammenden stimmen sich geh\u00f6r verschafft &#8211; was damit geschieht, steht auf einem anderen blatt. problematisch wird es jedoch, die clubkultur vorrangig als wirtschaftsfaktor zu begreifen: auf der einen seite begr\u00fc\u00dfenswert als hebel zur erhaltung der orte f\u00fcr clubs (am beispiel berlins: gerade mit n\u00e4he zum s-bahn-ring), keine frage. auf der anderen seite sind genau diese clubs am zuge, ebenso wirtschaftlich zu arbeiten. line-ups sind hierbei mittel und zweck, entweder weiterhin als etablierter name im zirkus mitzumischen oder erst recht, wenn sich ein club oder eine partyreihe diesen erst verdienen muss.<br>beides f\u00fchrt zum auf-nummer-sicher-gehen und damit zur verw\u00e4sserung. als booker*in m\u00f6chten line-ups einerseits gut kuratiert, der club andererseits auch gut gef\u00fcllt sein. als dj\/live-act m\u00f6chte mensch gerne aus dem vollen sch\u00f6pfen, bekommt dies jedoch aufgrund von zeit- und erwartungsdruck nicht so hin. das erkl\u00e4rt, warum der kreis der gro\u00dfen namen, die sich in berliner clubs wirklich was getraut h\u00e4tten, ein ziemlich kleiner ist.<br><br>paradoxerweise s\u00e4gen clubs oder veranstalter*innen damit am ast, der zu ihrem ruf oder erfolg beigetragen hat. es ist vielleicht etwas viel verlangt, das wilde, archaische, experimentielle aufbruchsgef\u00fchl der anfangsjahre wiederherstellen zu wollen. daf\u00fcr ist der stil zu etabliert und die musikalischen revolutionen oder erweckungsmomente auf der tanzfl\u00e4che mittlerweile zu rar. das ist aber auch normal und irgendwie in ordnung so, wenn mensch das mehr als 20 jahre lang aktiv mitverfolgt und -erlebt. mich st\u00f6rt halt (und da kommt auch das gekr\u00e4nkte dj-ego mit bewusstsein des eigenen geschmacks durch) massiv, dass diese spirale den urspr\u00fcnglichen gedanken, anders als die etablierten stile sein und neue musikalische horizonte erschlie\u00dfen zu wollen, ordentlich verw\u00e4ssert hat. anstelle neue musik oder ungeahnte mischungen vermeintlich unvereinbarer stile willkommen zu hei\u00dfen, \u00e4hnelt das leider ziemlich dem, was sich bei rock-konzerten oder etablierten festivals beobachten l\u00e4sst. ausnahmen best\u00e4tigen hier zwar gerne die regel (die freitage im berghain, den verzicht der staub auf line-up-ank\u00fcndigungen mit offenem musikalischen konzept oder reihen wie mother&#8217;s finest, version, warning, reef kann ich nicht h\u00e4ufig genug loben), aber die pandemie hat sehr deutlich gemacht, dass der weg des geringsten widerstandes mit einem hohen preis versehen ist.<br>insofern teile ich die hoffnung von nd voll und ganz, dass sich clubs ihrer rolle als geschmacksinstitutionen wieder bewusster werden. das berghain hat sich dabei von anfang an sehr gut positioniert, indem auf die residents als r\u00fcckgrat gesetzt worden ist. es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn clubs sich fortan weniger auf gro\u00dfe namen konzentrieren und das daf\u00fcr gewonnene geld in die taschen der residents oder lokalen musikanten flie\u00dft, die als regelm\u00e4\u00dfig in ihrem stammclub (oder au\u00dferhalb) feiern gehende und auch auflegende \/ produzierende musiker gro\u00dfe m\u00fche und zeit investieren, den club sowie dessen publikum aus dem effeff kennenzulernen und damit das wissen erlangen, wie die pers\u00f6nliche note durch hier und da eingestreute gimmicks im set gesetzt werden kann. dabei helfen weniger und daf\u00fcr ausgesuchtere gigs, damit mehr zeit zum w\u00fchlen in mehr als 30 jahren elektronischer tanzmusikgeschichte bleibt.<br>alles in allem w\u00fcnsche ich mir: bitte weniger festgefahrene erwartungshaltungen und ergebnisse. bitte weniger schielen auf das maximum an gage oder reichweite. kondition bzw. k\u00f6rperliche ressourcen sind endlich und auch wenn es den pers\u00f6nlichen narzissmus schmerzt: es gibt auch andere mit \u00e4hnlich gutem geschmack, von denen sich lernen l\u00e4sst und die das mit dem erz\u00e4hlen von geschichten im set vielleicht sogar besser k\u00f6nnen als mensch selbst. schlussendlich sollte musik der gemeinsame nenner sein, der kein wettstreit, sondern vielmehr inspiration sein sollte (zugegeben: bei dieser lektion bin auch noch lange nicht am ende).<br>ich bef\u00fcrchte zwar, dass wir nach dem ende der pandemie schneller wieder dort landen als es den musikliebhaber*innen passt, aber die letzten ein bis zwei jahre wiesen wieder in die richtung, dass auch an normalen sonntagen im berghain mehr vielfalt geht als trockene kicks mit reverb. wenngleich clubs rentabel sein m\u00fcssen: auf absehbare zeit wird das vorg\u00e4ngerniveau mit der h\u00e4lfte des publikums aus dem easyjet-flieger nicht erreicht werden k\u00f6nnen. es wird also keine andere wahl bleiben, als dass bei den line-ups auf das budget geachtet werden muss, wenn das publikum sich (gerade in der anfangszeit) eher aus berliner*innen rekrutiert. die wiederum k\u00f6nnten noch am ehesten die kenntnisse \u00fcber f\u00e4hige resident- oder lokale djs besitzen und werden sich hoffentlich l\u00e4ngere zeit der tatsache bewusst sein, dass die clubkultur nicht als selbstverst\u00e4ndlich hingenommen werden sollte.<br>in kombination dazu w\u00fcnsche ich mir mehr geschichtsbewusstsein. da mache ich mir bei den \u00e4lteren (40+) keine sorgen, weil die es sind, die hier die perfekten rahmenbedingungen vorfinden, um weiterhin leidenschaftlich in clubs gehen zu k\u00f6nnen, ohne dass wegen des alters schr\u00e4g geschaut wird. im gegenteil habe ich sogar den eindruck, dass die j\u00fcngeren mittlerweile sehr gerne von diesem erfahrungsschatz profitieren. auch da herrscht ohne zweifel offenheit.<br>daher als anregung (an alle alterskohorten oder die szeneaffinen): bitte nehmt diesen neustart als gelegenheit, eure erwartungshaltungen zu hinterfragen oder sie bei anderen zu benennen. zieht die unkritischeren oder engstirnigen unter euch mit. zeigt ihnen auf, auf welchem fundament sich die clubwelt gr\u00fcndet und dass das konsumieren des erwartbaren nur eine option unter vielen ist. vertraut den clubs und djs\/residents als geschmackstr\u00e4ger*innen. erwartet lieber \u00fcberraschungen. lasst djs\/live-acts die zeit, sets zu entwickeln und dabei auch mal daneben zu liegen.<br><br>kurzum: verlasst auch mal ausgetretene pfade und gesteht jeder*m (und damit auch euch selbst) zu, menschlich und damit fehlbar zu sein. das ist zur kalibrierung gar nicht mal schlecht, damit die tollen abende \/ tage auch als solche hervorstechen und nicht immer wieder auf&#8217;s neue reproduziert werden m\u00fcssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>da der text ein pl\u00e4doyer und damit ziemlich lang geworden ist, kommt der link zum ausschlaggebenden und h\u00f6chst relevanten interview zuerst. dessen kernpunkte k\u00e4ue ich verlauf eh wieder:&#8222;club culture is being reborn&#8220; es ist kein sonderlich gro\u00dfes geheimnis, dass ich nd gegen\u00fcber aus gr\u00fcnden voreingenommen bin. vor wochen hatte er bei instagram einen ausschnitt 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