{"id":8202,"date":"2026-06-11T21:38:18","date_gmt":"2026-06-11T19:38:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/?p=8202"},"modified":"2026-06-16T01:39:28","modified_gmt":"2026-06-15T23:39:28","slug":"berlin-07-06-2026-zitadelle-spandau-massive-attack-47soul-nachbetrachtung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dissonanzstudien.de\/blog\/2026\/06\/11\/berlin-07-06-2026-zitadelle-spandau-massive-attack-47soul-nachbetrachtung\/","title":{"rendered":"[berlin \/ 07.06.2026] zitadelle spandau: massive attack \/ 47soul &#8211; nachbetrachtung"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">eigentlich wollte ich das posting hierzu absetzen, sobald die herren die b\u00fchne betreten. es war eine ziemliche odyssee, bis es jetzt endlich geklappt hat. ihren anfang nahm sie mit tickets f\u00fcr das velodrom im m\u00e4rz 2020 &#8211; von der pandemie durchkreuzt. nachholtermin im jahr darauf in der hoffnung, dass die pandemie eingehegt sein k\u00f6nne &#8211; vergebens. 2022 schien es dann endlich m\u00f6glich &#8211; aufgrund der erkrankung eines der bandmitglieder abgesagt, tickets wurden r\u00fcckerstattet.<br>f\u00fcr 2025 waren sie erstmalig f\u00fcr die zitadelle angesetzt. ticket im regul\u00e4ren vorverkauf verpasst, jedoch \u00fcber fansale eines bekommen &#8211; dann am gleichen tag abgesagt. wer nach erfahrungswerten bez\u00fcglich der r\u00fcckerstattung in solchen f\u00e4llen sucht: das geht automatisch.<br><br>vieles ist seit sonntag \u00fcber das konzert geschrieben worden, ein paar der artikel verlinke ich unten. meine sichtweise ist durchaus von der euphorie gepr\u00e4gt, dass es endlich mal geklappt hat, sie zu sehen.<br><br>ich will mich weniger mit den musikalischen darbietungen aufhalten. 47soul mit einem hybrid aus electronica, reggae und dabke (wie ich anhand besagter artikel gelernt habe). massive attack starteten mit &#8222;risingson&#8220; und brachten in der (exklusive intro) 16 st\u00fccke umfassenden setlist noch vier weitere von &#8222;mezzanine&#8220; unter. darunter &#8222;inertia creeps&#8220; sowie &#8222;group four&#8220;, was mich \u00fcberrascht und gefreut hat. neben deborah miller und elizabeth frazer gab es auch horace andy als gasts\u00e4nger.<br>eine menge angebot f\u00fcr das einzige deutschland-konzert dieses jahr. die rechnung ging f\u00fcr meine begriffe auch v\u00f6llig auf &#8211; so gut griffen ensemble und s\u00e4nger*innen ineinander. der sound war vor dem wellenbrecher mittig (ca. 15 meter rechts vom front of house) stehend wunderbar klar und an den richtigen stellen volumin\u00f6s. ein bis zwei dezibel mehr h\u00e4tten den gesangsstimmen nicht geschadet, aber das ist geschenkt.<br><br>vielen &#8211; auch rezensenten &#8211; verhagelte die politische schlagseite die stimmung. nat\u00fcrlich war das engagement von 47soul als vorband aus jordanien bereits symbolisch genug. wo sie ihre botschaften jedoch ausschlie\u00dflich \u00fcber die musik transportierten, setzten massive attack auf den multimedialen ansatz mit projektionen. h\u00e4ufig genug mit kritik an der politik israels, jedoch wurden trump und putin ebenfalls nicht ausgespart. zudem eine simulation dessen, was mit einer \u00fcberwachungssoftware wie palantir in einem publikum m\u00f6glich sein k\u00f6nnte. weltpolitik wird als wettspiel dargestellt und von der frage gekr\u00f6nt, wer darauf wetten w\u00fcrde, dass 2026 noch eine atombombe hochgeht. k-pop als soundtrack zur widerstandsbewegung nach dem gwangju-aufstand in s\u00fcdkorea anno 1980, dessen niederschlagung durch die milit\u00e4rjunta von den usa stillschweigend unterst\u00fctzt wurde. massive attack coverten hierzu &#8222;regret of the times&#8220; von seo taiji and boys und stellten am ende die frage in den raum, welche neue musik den widerstand gegen die alten korrupten m\u00e4chte (w\u00e4hrend trump, putin und netanjahu eingeblendet wurden) sein wird. und der aufruf an die europ\u00e4ische union, sanktionen gegen israel zu verh\u00e4ngen.<br><br>es ist schon richtig: das war alles keine leichte kost. wer nostalgisches schwelgen in erinnerungen an laue abende aus der jugend erwartet hatte, an denen &#8222;teardrop&#8220; im hintergrund l\u00e4uft, wurde nicht nur auf dem linken fu\u00df erwischt. ich war durch erfahrungsberichte sowie ihre pr\u00e4senz in sozialen medien bereits darauf vorbereitet, dass es durchaus politisch werden k\u00f6nnte und w\u00e4re bei einer hamas-glorifizierung sowie rechtfertigung der taten des 7. oktober vorzeitig gegangen.<br>das ist alles nicht passiert. stattdessen war es neben den coverversionen sowie den nicht so offensichtlichen st\u00fccken aus dem repertoire eine politische informationsveranstaltung &#8211; mit durchaus missionarischem ansatz, zugegeben. aber wer sich mit den israel- sowie konsumkritischen positionen der band auseinandergesetzt hatte, konnte das halbwegs erwarten. ihre musik war nie der hymnische stoff, bei dem eine menge aus tausenden inbr\u00fcnstig mitsingt, sondern vielmehr introspektiv. vor dem hintergrund kann ich zwar nachvollziehen, dass einige mit der erwartungshaltung hingegangen sind, ein entsprechend mild inszeniertes konzert zu bekommen, ohne dabei belehrt werden zu wollen. mit den zwei punkrock-st\u00fccken haben sie jedoch gezeigt, dass sie auch wilder k\u00f6nnen, und &#8211; viel wichtiger &#8211; die blo\u00dfe konsument*innenhaltung konsequent in frage gestellt. klar ist palantir manchen ein begriff, die qualit\u00e4tsmedien lesen. vom gwangju-aufstand habe ich beim konzert jedoch das erste mal geh\u00f6rt und mir w\u00e4re nicht in den sinn gekommen, k-pop als politisch zu betrachten (vor dem hintergrund mal eine empfehlung, nach der englischen \u00fcbersetzung des textes von &#8222;regret of the times&#8220; zu suchen &#8211; lohnt sich). und obwohl ich eines tages gerne mal wieder nach israel reisen w\u00fcrde, ist das angesichts der von der aktuellen netanjahu-regierung mitverursachten lage einfach nicht geboten und kritik an der siedlungspolitik sowie dem vorgehen in gaza mehr als angebracht.<br><br>da das meiste an popul\u00e4rer musik heuer durch komplette abwesenheit politischer positionierungen gekennzeichnet ist, um es sich mit potentiellen k\u00e4ufer*innenschichten nicht zu verscherzen, tat es mir mal richtig gut, eine band zu sehen, die ihre popularit\u00e4t nutzt, um eindeutig stellung zu beziehen. klar, das muss nicht allen gefallen &#8211; insbesondere mit israelkritik ist mensch hierzulande zurecht vorsichtiger. aber die missionierung ist mir in der form allemal lieber als ein konzert zu erleben, in dem inhaltliche leere durch einen nichtssagenden visuellen \u00fcberbau zugekleistert wird. massive attack haben erkannt, dass dieser zustand in so vielerlei hinsicht (weltpolitisch, aber auch was den konsumerismus angeht) nicht mehr zu halten ist und stellen daher die richtigen fragen zur richtigen zeit. auch wenn es so scheint, dass sie sich das aus ihrer position heraus erlauben k\u00f6nnen, ist das nicht frei von risiken. durch die klaren positionierungen werden sie eine menge leute vor den kopf sto\u00dfen; durch ihre entscheidung, ihre k\u00fcnftige musik durch ein eigenes label ohne spotify zu vermarkten, einiges an sichtbarkeit (gerade bei j\u00fcngeren generationen) verlieren. all das jedoch in dem idealismus, dass diejenigen \u00fcbrig bleiben, die musik und inhalte generell bewusster genie\u00dfen.<br><br>so sehr ich den groll derjenigen verstehen kann, die angesichts der polykrisen einfach mal einen entspannten abend haben wollten und nicht bekamen: f\u00fcr mich war&#8217;s gerade aufgrund der politischen weiterbildung und auch der musikalischen qualit\u00e4t eines der konzerte des jahres. acts mit der form an r\u00fcckgrat braucht es viel mehr.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">artikel<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/kultur\/beitrag\/2026\/06\/konzert-massive-attack-zitadelle-spandau-berlin.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.rbb24.de\/kultur\/beitrag\/2026\/06\/konzert-massive-attack-zitadelle-spandau-berlin.html\">rbb24: konzertkritik zu massive attack in der zitadelle spandau<\/a><br><a href=\"https:\/\/www.morgenpost.de\/kultur\/article412216955\/massive-attack-in-berlin-belehrendes-spektakel.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.morgenpost.de\/kultur\/article412216955\/massive-attack-in-berlin-belehrendes-spektakel.html\">morgenpost: massive attack in berlin. belehrendes spektakel<\/a><a href=\"https:\/\/www.radioeins.de\/programm\/sendungen\/der_schoene_morgen\/_\/massive-attack.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.radioeins.de\/programm\/sendungen\/der_schoene_morgen\/_\/massive-attack.html\"><br>radio eins: massive attack spaltet das publikum mit hochpolitischer show<\/a><br><a href=\"https:\/\/beatsperminute.com\/live-review-massive-attack-at-zitadelle-spandau-berlin-7-june-2026\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/beatsperminute.com\/live-review-massive-attack-at-zitadelle-spandau-berlin-7-june-2026\/\">beats per minute: live review. massive attack at zitadelle spandau, berlin, 7 june 2026<\/a><br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>eigentlich wollte ich das posting hierzu absetzen, sobald die herren die b\u00fchne betreten. es war eine ziemliche odyssee, bis es jetzt endlich geklappt hat. ihren anfang nahm sie mit tickets f\u00fcr das velodrom im m\u00e4rz 2020 &#8211; 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