[berlin / 16.08.2014] berghain: ostgut ton nacht

nicht vom titel irritieren lassen, eigentlich ist es eine klubnacht, eben nur mit protagonisten des hauseigenen labels – sprich: alle residents in vollversammlung. und ja, ich weiß, dass das voll wird. sollte mir das als kritikpunkt im nachhinein einfallen, müsste ich mir wohl zurecht fragen gefallen lassen.

ostgut ton nacht

berghain
00h00 norman nodge
03h30 atom tm & tobias live
05h00 ben klock
08h00 planetary assault systems live
09h15 kobosil
12h30 marcel fengler
15h30 len faki
19h00 marcel dettmann
23h00 boris
03h00 fiedel

panorama bar
00h00 answer code request
04h00 soundstream live
05h00 nd_baumecker
09h00 ryan elliott
13h00 function
17h00 nick höppner
21h00 anthony parasole
01h00 tama sumo

garten
12h00 steffi
15h00 head high
17h30 virginia

eintritt
15 euro

nachbetrachtung
zwei schichten, 3:30-13:30 uhr & 18:30-0:30, in denen ich diverse male mit dem kopf schüttelte. nicht, weil der abend unfassbar voll und deswegen mies war, sondern weil ich nicht erwartet hätte, dass die sonst nur zu silvester herrschenden verhältnisse noch übertroffen werden können.
die schlange war jedenfalls zu beginn der ersten schicht schon bis weit hinter dem häuschen angewachsen, so dass bis zur ecke richtung metro / hellweg auch nicht mehr so viel fehlte und nennenswert kürzer wurde sie nicht, wenn ich aus dem fenster blickte oder zur schlafpause aufbrach / von ihr zurückkehrte. zwei ausnahmen: sonntag früh um 9 und sonntag auf montag nacht, als ich ging: da stand niemand. sonntag abend war es der verhängte einlassstopp, vielleicht war das sonntag früh ähnlich.
trotz oder wegen des füllgrades: es ließ sich auf der tanzfläche im berghain meistens aushalten und auch bei der barsituation hatte ich nicht den eindruck, dass sie außer kontrolle geraten würde und einige aufgrund von dehydrierung kollabieren müssten. als unangenehm empfand ich jedoch die toilettensituation. nicht aus meiner sicht als y-chromosomenträger, aber stellvertretend für die damen. obwohl es sich bei den klubnächten zum standard entwickelt hat, dass die örtlichkeiten auch sonntag abend wieder in einem vorzeigbaren zustand besucht werden können (sprich: zwischendurch wird durchgewischt), ist es clubseitig schwer in den griff zu bekommen, dass mehrere leute aus welchen gründen auch immer die kabinen so lange blockieren, dass die damen mal eben 20 minuten wartezeit einkalkulieren müssen – und das galt für die örtlichkeiten auf allen drei etagen. als nicht wirklich wünschenswerte begleiterscheinung müssen eben die dunklen ecken herhalten, derer es im berghain ja doch genügend gibt.
daher wurden mir an dem wochenende die negativen seiten des (für mich nach wie vor berechtigten) hypes um den laden bewusst. wenn allzu menschliche bedürfnisse auf mangelnde rücksichtnahme bei anderen treffen, kommt eben eines zum anderen. mit einer art „klopolizei“ wäre es nicht getan, da man mit ihr eine art kontrollinstanz in den club brächte, der das zügellose ganz schon dämpfen würde – wäre nämlich längst nicht so diskret wie die aktuellen streifzüge mancher türsteher auf der suche nach unerlaubten fotografen oder beim aufwecken von schlafenden auf der couch, was angesichts der möglichkeit, einen ungewollten ghb-nutzer vor schlimmerem zu bewahren, auch immer noch goldrichtig ist.
die lösung wäre an dem wochenende wahrscheinlich recht einfach gewesen: das lab zu öffnen. wäre dem anlass ohnehin würdig gewesen, hätte den einlassstopp etwas hinausgezögert, einen vierten floor und somit noch mehr vielfalt (sowie mehr möglichkeiten zum intimen beisammensein ohne die romantik einer klokabine) hinzugefügt – und das beinahe beängstigende daran ist, dass der club dann immer noch voll genug gewesen wäre. warum man nicht zur feier des anlasses auch gleich noch die türen vom berghain in die dahinterliegende halle öffnete, in der auch am sonntag die (zugegebenermaßen bestenfalls ganz okaye) „10“-ausstellung lief, um eine art riesigen chillout zu schaffen, kann ich mir nur damit erklären, dass man die türcrew nicht überstrapazieren wollte, weil das wieder eine kontrolle der besucher erfordert hätte, die von der halle zurück ins berghain möchten. oder man hätte es sich einfach gemacht und die ausstellung an dem tag einfach für die allgemeinheit geschlossen halten und nur für die besucher der party öffnen können, die ja eh schon eintritt gezahlt haben.
vielleicht haben sie mit der art von andrang auch nicht gerechnet und die situation dann unter dem sicherheitsaspekt für alle behandelt – am ende auch das einzig richtige.

soviel erstmal zum wieder-mal-ausnahmezustand. was bleibt denn musikalisch?
knochentrockener, minimalistischer, kristalliner funk von atom tm & tobias. und ganz schön fordernde 15 minuten von answer code request oben. dann war da noch soundstream mit seinen greatest hits, aber trotz ableton irgendwie ohne harmonische übergänge, nd mal wieder als einer der höhepunkte, der mit langsamem analogen house erstmal das publikum filterte, um drei stunden später dann doch wieder alle zu kriegen. planetary assault systems / luke slater zwar mit zwei laptops, aber diesmal ohne aussetzer, so dass der zweite gar nicht gebraucht wurde. schönes techno-set, aber keine apokalypse, zu der manche das set herbeischreiben wollen. hätte im nachhinein lieber noch die letzte stunde von nd mitgenommen, aber sowas weiß man ja vorher nicht.
kobosil: zweiter höhepunkt. mixtechnisch und dramaturgisch nicht immer auf den punkt, aber dafür traditionsbewusst und mit einigen unerwarteten krachern im set wie gesloten cirkels „stakan“, „rubycon“ von emmanuel top oder „over the shoulder“ von ministry. war auch der zeitpunkt, an dem auf der tanzfläche auch genügend platz herrschte. marcel fengler spielte als intro einen track, den ich (ungelogen) in der woche zuvor gerade der guten alten zeiten mal wieder angehört hatte und so bei mir dachte, dass der doch wie geschaffen für seine sets und das berghain wäre: „sacred cycles“ von lazonby. war tatsächlich großartig über die anlage. function spielte oben in der zeit, die ich so mitbekam, sehr technoid und mit der anlage am anschlag.
dann pause, zu virginia im garten zurück. chicago als große konstante, dabei noch mit flottem tempo und live-gesangseinlagen. gefiel mir sehr. auch marcel dettmann präsentierte sich in guter form, auch wenn es mir während seines sets so ging wie bei den letzten malen: die härte, die ich mir für die uhrzeit (oder generell) gewünscht hätte, gab es höchstens punktuell, aber nicht mit der ihm eigenen basswalze gepaart mit schön dreckigen sounds, in die man sich fallenlassen kann. dafür die gewohnten dettmann-konstanten: tiefe, subtiler aufbau, abwechslungsreichtum, und das ist auch schon eine menge wert. anthony parasole oben in der zeit, in der ich einen abstecher machte, ziemlich hittig, boris gab der meute unten, wie sie es wollte, aber da hatte ich schon genug gesehen, gehört und am nächsten tag ohnehin die liebe arbeit vor mir, so dass es an der zeit war, den heimweg anzutreten.

was kann ich von dem abend mitnehmen?
gute frage. ich find’s ja einerseits schon klasse, dass ein abend ausschließlich mit residents so eine anziehungskraft hat, andererseits ist es mit dem vernünftigen menschenverstand nicht mehr zu erklären, warum man sich die negativen begleiterscheinungen wie zwei stunden anstehen oder die klosituation antun möchte, wenn es andere abende gibt, an denen das geschehen für alle beteiligten entspannter abläuft.
wie sich das lösen könnte, ist schwierig: vielleicht mehrere o-ton-nächte im jahr, im quartalsmodus vielleicht. der bedarf dafür scheint (gelinde gesagt) ja vorhanden zu sein. wenn es sie dann gibt, bitte das lab dazunehmen und das personal auf silvester-verhältnisse vorbereiten. sieht dann zwar so aus, als ob mehrere male pro jahr silvester gefeiert würde, aber das kam mir dieses jahr bei der erfolgswelle, auf der das berghain gerade zum zehnjährigen immer noch (oder gerade deswegen?) schwimmt, ohnehin diverse male so vor. oder eben ein früherer einlassstopp, um den leuten in der schlange und drinnen gleichermaßen angenehmere perspektiven zu bieten. für mich gibt’s demnächst lieber die abende für die musikliebhaber, die auch an dem wochenende auf ihre kosten kommen konnten. aber ich meine damit eher die stile in den nischen, sprich: so manche freitage oder auch gezielte samstage mit hardwax-bezug. so wie ich mich kenne, wird meine lust auf die massenhysterie jedoch pünktlich im dezember zurück sein.

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