[berlin / 07.02.2026] philharmonie berlin: strom – festival für elektronische musik

findet nach drei jahren endlich mal wieder statt. auch wieder freitag und samstag, wobei das samstagsangebot so weit herausstach, dass er als einziger besuchstag reicht.

20:00 – 21:00 polygonia (live) foyer
21:15 – 22:00 azu tiwaline & cinna peyghamy (live) saal
22:00 – 23:45 dj marfox foyer
00:00 – 01:00 alva noto (live a/v) saal
01:00 – 03:00 ben klock & fadi mohem foyer

installation: nevin aladağ – jamming

nachbetrachtung

war von anfang bis ende da, und auch wenn sich das ein wenig harsch liest, war es die musikalisch für mich bislang schwächste der drei ausgaben. allerdings jammern auf hohem niveau und meinen erwartungen geschuldet. es überwiegt bei weitem das wohlige gefühl, dass sich experimentierfreude und hochkultur einmal mehr in einem der besten rahmen beidseitig entfalten konnten. natürlich bleibt das festival für künftige ausgaben auf meiner liste an terminen, nach denen ich ausschau halte.

allem voran wurde an einer der für mich relevantesten stellschrauben gedreht: vierpunktbeschallung im foyer. nicht durch funktion one, stattdessen l acoustics. keine zwei massiven boxentürme, sondern vorne mittelgroße, hinten kleinere. das hat erstens völlig ausgereicht, um klimaanlage sowie lampen vibrieren zu lassen und zweitens dabei völlig klar zu bleiben. gleiches gilt für den saal: auch l acoustics in mittlerer ausstattung – alles bis ins detail hörbar. wenn ich einen wunsch frei hätte: die leinwand für die visuals müsste nicht so groß sein, dass das publikum dahinter verschwindet. da die visuals sich am samstag eh sehr in grenzen hielten (bei azu tiwaline und ceyna peghamy gab es keine, bei alva noto längst nicht in dem umfang wie im berghain), wären auch zwei mittelgroße led-arrays an den seiten der acts völlig ausreichend. alternativ: mehrere hochkant gestellte so wie im foyer, nur mit größeren lücken dazwischen. auf die weise wäre bspw. die nerd-fraktion ziemlich erfreut, den protagonist*innen während der sets auf die finger bzw. die bildschirme schauen zu können.

all das sind jedoch keine kritischen details, die mich vom erscheinen abhalten würden. der produktionsstandard war seit jeher verdammt hoch und wird im kleinen verfeinert. gleiches galt für die kuration, die für den samstag auf dem papier für mich interessanter als der freitag aussah (bis ich samstag so nebenher erfuhr, dass pete für ehua eingesprungen war, was mich jedoch mit als einziges – evtl. neben murcof – interessiert hätte).
am ende haben mich azu tiwaline und ceyna peghamy so richtig überzeugt. field recordings und ihre meditativ-zurückgenommene rhythmusstruktur, die ceyna mit live-percussion und modular-patch ergänzt hat. wie ich am tag danach bei radio eins in „elektricity“ erfuhr, ist ihr album quasi fertig. ansonsten hätte ich sehr darum gebeten, dass sie das in eine veröffentlichung gießen. beide auf teppichen sitzend, minimale beleuchtung, nichts von der musik ablenkendes, auf den punkt sitzendes timing – richtig gut.
polygonia hatte im foyer schon einen guten einstieg gegeben und über weite strecken improvisiert. das erklärt den für mich etwas ziellos wirkenden ambient-mittelteil, nachdem sie anfangs mit langsamen, zurückgenommenen breakbeats schon eine richtung vorgegeben hatte, die auf eine langsame steigerung schließen ließ. das hat sie jedoch gezielt durchbrochen, bis zum ende die kurve zu dem material bekommen, das einerseits tanzbar, andererseits anspruchsvoll war und über weite strecken teile ihrer stimme enthielt. alles andere als schlecht also, für mich jedoch nicht der große wurf. der muss es am anfang des abends allerdings auch nicht sein – ihr einfallsreichtum sowie sounddesign ist bereits jetzt alleinstellungsmerkmal und sie bei künftigen ausgaben hoffentlich wieder dabei.

dj marfox bzw. kuduro wird einfach nicht mein fall. auch wenn es aus perspektive des mit techno sozialisierten einen komischen beigeschmack hat: mir war der rhythmus in seinem set zu statisch / repetitiv. hielt das foyer zwar gut auf betriebstemperatur, aber „jamming“ als installation fand ich in dem zeitraum weitaus besser. drei parallel in endlosschleife laufende separate videos von diversen berliner orten (mauerpark, gleisdreieck, volkspark friedrichshain), in denen entweder die schwerkraft (mit der trommel) oder die luft (glockenspiele, auf dem dach eines autos montierte klarinette) die instrumentierung übernahm. eine weitere tolle idee, was sich mit field recordings erreichen lässt.

alva noto steht synonym für meine eingangs erwähnten erwartungen. mit dem set aus dem berghain sowie dem von labelkollegen ryoji ikeda bei der strom-erstausgabe vor sechs jahren im hinterkopf hatte ich mich schon darauf gefreut, die philharmonie zeitgleich vor bass vibrieren und die spitzen töne bis in die hinterste ecke reflektierend zu hören. stattdessen habe ich mich dabei ertappt, den vor set-ende gehenden leuten insgeheim recht zu geben, als sich nach einer halben stunde abzeichnete, dass kickdrums in seinem set höchstens zaghaft und in einem langsamen tempo eingesetzt werden.
kurzum: es war ein ambient-set, ich darauf nicht eingestellt und währenddessen sowie danach entsprechend enttäuscht. mit ein paar tagen abstand würde ich die erwartungen gerne völlig tilgen und das set nochmal von anfang an hören. objektiv hat er selbst mit seinen drones für vibrationen gesorgt und die hochtöne hatten aufgrund der abwesenheit von rhythmus im wahrsten sinne raum zur entfaltung. währenddessen dachte ich, dass er vor dem raum bzw. dem rahmen zu ehrfürchtig ist, im nachgang tue ich ihm damit unrecht. nach diversen veröffentlichungen ist bekannt, dass ambient für ihn nun wirklich kein unbekanntes terrain ist, ergo sollte es nicht überraschen, dass er es zu einer gelegenheit wie dieser auslebt. positiv gewendet: alles andere als eine wiederholung des berghain-sets. im vergleich dazu haben azu und ceyma dennoch bessere brücken zwischen unterhaltung und experimentierfreude gebaut.

von ben und fadi habe ich nichts erwartet und ein grundsolides techno-set bekommen, das am ende mit ein paar chicago-sprenkseln endete und zwischendrin schöne dubtechno-anteile hatte. wie mit marcel dettmann gewinnt ben klock für mich sehr dazu, wenn er einen sparringspartner zur seite hat. mir war’s ein fest, das foyer dazu bis zum schluss so gut in schwung zu sehen.

notierte tracks

ben klock & fadi mohem

benales – scoria
robert hood – untitled 1 (mark broom edit)
scion – emerge 1
dj plant texture – ripetitivo (stretch mix)
ben klock & fadi mohem – ultimately (amotik remix)
parris mitchell – follow me ghetto (feat. dj funk)