r.i.p. christo

ich weiß, dass ich damit spät dran bin, aber er gehört definitiv erwähnt. vor gut einem monat erst noch bei der rbb abendschau im ferninterview aus new york und klar habe ich damals auch den verhüllten reichstag gesehen.

einer von denen, die groß und meinetwegen auch größenwahnsinnig gedacht haben, dabei aber nie die hoffnung auf das vereinende momentum für das publikum aus dem blick verloren haben. einen letzten eindruck davon wird mensch nächstes jahr bekommen können, wenn sein projekt mit der verhüllung des triumphbogens in paris verwirklicht wird.

er ist bereits am 31. mai mit 84 jahren verstorben.

r.i.p.

[stream / 16.05.2020] radio 80000: warning takeover

(ein klick auf das bild führt direkt zu radio 80000.)

nach den ganzen traueranzeigen der letzten tage / wochen mal etwas werbung: radio 80000 ist mir relativ zu beginn der covid-19-situation aufgefallen, als skee mask dort zwei stunden an einem samstagabend gespielt hat (das gibt’s bei mixcloud nachzuhören).
morgen darf die warning den tag übernehmen. ich wurde vergangenen montag gefragt, ob ich für jemenschen einspringen kann, der krankheitsbedingt kein set aufnehmen konnte. eine stunde, sollte bis donnerstag abend auf dem tisch liegen.
dienstag habe ich schnell während der arbeit die bandcamp- sowie boomkat-einkäufe und die digitalisierten schallplatten des letzten halben jahres gesichtet. abends hatte daraus eine itunes-playlist mit etwas mehr als 20 titeln zusammen.
mittwoch zum feierabend dann arrangement in ableton live. manche titel flogen wieder raus, fest stand wie so häufig der schluss. kurze probe, ob das alles jeweils so ineinanderpasst, die aufnahme startete zum sonnenuntergang. war (selten genug) beim ersten anlauf im kasten, obwohl ich in der mitte einen track nachschießen musste, da ich sonst unter der stunde geblieben wäre. zum schluss etwas getrickst und den schlusstrack an einer für mich schönen stelle geloopt und noch eine reprise des vorherigen daruntergelegt.

soviel zur entstehung und noch gar nichts zum line-up. dabei ist das auch exquisit ausgesucht. los geht es um 12 uhr für die darauf folgenden acht stunden. lässt sich im hintergrund abspielen, da glücklicherweise auf video verzichtet wird.

12h00 mars leder
13h00 marie montexier
14h00 stype
15h00 jotel california
16h00 piracy
17h00 kaletta
18h00 rvds
19h00 donna crooner

[stream / 08.04.2020] united we talk – tear down borders: #leavenoonebehind / united we stream – live from diskothek melancholie 2

mal etwas weniger kurzfristig und nicht ohne stolz: lesbos / moria findet zwar medial aktuell auch statt, aber ebenso offensichtlich ist der latente nationale selbstbezug bei der vermeintlichen gesundheitskrise, die auch nicht zu unwesentlichen teilen durch die kostenoptimierung des pflegebereichs in den vergangenen jahren hausgemacht ist.
dabei treten geflüchtetencamps als eine der baustellen zurück, obwohl sie seit jahren brachliegen. durch covid-19 treten die konsequenzen daraus mit allen unschönen details einmal mehr zutage. die binsenweisheit also gerne noch einmal: eine geflüchtetenpolitik (oder gar deren ursachenbekämpfung) wurde mindestens genauso lange verschlafen wie die erkenntnis, dass pflegekräften nicht genauso viel zugemutet werden kann wie robotern in der autoproduktion.
geflüchtete sind morgen von 16 bis 19 uhr thema bei united we talk und (damit wäre ich beim stolz) die bewegungsfreiheit kommt auch zu wort. zwar nicht extrem lang (fünf minuten, wie ich erfahren habe), aber ich hoffe, dass die drei stunden dazu beitragen werden, die thematik neben die soziale isolation rücken zu lassen.

danach kann ich direkt mein fanboy-dasein ausleben und objekt neben anderen aus der melancholie 2 auf die finger schauen.

tipps zum sonntag, dem 05.04.2020: united we talk & petition zum grundeinkommen reprise

steige ich erstmal mit dem déjà-vu ein: die von meiner wenigkeit letztens auf change.org verlinkte petition zum bedingungslosen grundeinkommen wurde von aktuell mehr als 400.000 leuten unterzeichnet. nun ist sie im deutschen bundestag angekommen. heißt also: nochmal unterzeichnen (natürlich nur, wer sich mit den dahintersteckenden zielen identifizieren kann oder zumindest verständnis dafür hat). aktuell (sonntag, 5. april 2020, 14:51 uhr) sind’s knapp unter 100.000.

klick

dann beginnt in einer guten stunde ab 16 uhr die nächste stufe des eh schon famosen „united we stream“-formates: united we talk. nachdem gestern bereits 12 stunden lang die internationale erweiterung zelebriert worden ist, gibt es nun konzerte, performances und diskussionen mit tagesordnungspunkten, die auch soziale fragen im bereich der kultur, sozialen initiativen und der mieter*innenbewegung tangieren.

das programm sieht für heute so aus:
16h00 intro
16h10 stadt ohne morgen dokumentation
16h30 pöbel mc
17h00 nate and hila performance
17h30 point zero: future habitat talk

unorthodox [netflix]

streaming-anbieter haben dieser tage hochkonjunktur und bieten dabei auch noch hochkarätige neuzugänge im programm. grund genug, dieser ebenfalls seit geraumer zeit brachliegenden kategorie neues leben einzuhauchen.

unorthodox

inhalt°

die im alter von 17 jahren zwangsverheiratete esty flieht aus der enge der streng jüdisch-orthodoxen sekte der satmarer in williamsburg (brooklyn / nyc). ihr ziel: berlin, mit der verheißung von befreiung und selbstfindung. ihr auf den fersen: ehemann yanky und dessen cousin moishe.

°: bewusst knapp gehalten, um spoilern vorzubeugen.

umsetzung

zunächst eine triggerwarnung: wer durch die kurze inhaltszusammenfassung oder andere artikel interesse entwickelt hat, sollte darauf hingewiesen werden, dass die darstellungen von sexualität in dieser serie durchaus vorhandene traumata zurückholen oder verstärken können. sollte diesbezüglich eine vorbelastung bestehen, wäre es besser, sie nicht oder in begleitung anzuschauen.

für meine begriffe handelt es sich weniger um eine serie, vielmehr um einen länger geratenen film, der in vier episoden aufgeteilt worden ist. die insgesamte spieldauer liegt bei dreieinhalb stunden.

grundlage war deborah feldmans anno 2012 erschienene autobiographie, wobei der vorspann ein „inspired by“ anstelle eines „based on“ erwähnt. das ist relevant und auch gut so, weil der berlin-teil von den erfahrungen feldmans abweicht. während diese noch in ihrer zeit in new york city am sarah lawrence college literatur studierte, liegt das interesse bei esty als ihrem serien-alter-ego bei der musik.

in weiten teilen arbeitet die regisseurin maria schrader mit rückblenden sowie parallelen erzählsträngen. es ist daher etwas eingewöhnungszeit nötig, bis mensch nach einem sprung seitwärts begreift, an welchem punkt sich die handlung gerade befindet. allerdings ist dies erstens nicht so kompliziert wie gedacht und zweitens eh ein beliebtes stilistisches mittel, um die spannung aufrecht zu erhalten.
die geht hier keine sekunde verloren. und noch besser: die (linear erzählten) rückblenden, welche die enge zunehmend erfahrbar machen, kontrastieren wunderbar estys zeit nach der ankunft in berlin, in der sie sich aus den zwängen zu befreien versucht.

lobenswert sind dabei u.a. (natürlich) die schauspielerische leistung der hauptbeteiligten.
shira haas spielt die hauptfigur zwischen trotz, scham, stärke, duldsam- und verletzlichkeit. dankenswerterweise fehlen szenen, die ein hysterisches frauenbild vermitteln, indem sie häufiger ein bis zwei schritte hinter dem nervenzusammenbruch oder anderen großen dramen gezeigt wird. auf all das wird hier verzichtet. es dominieren die leiseren bzw. die zwischentöne.
amit rahav ist als eigentlich schüchterner und mit der situation überforderter (ehe)mann ebenso glaubwürdig wie sein antipode moishe (gespielt von jeff wilbusch), der das zurückholen von esty auch deswegen (mit aller gebotenen härte) zur chefsache erklärt, um sich nicht der realität stellen zu müssen, dass die weltlichen genüsse für ihn attraktiver sind als es die strenge reglementierung zulässt – schon alleine, weil besagte genüsse diese enge auch für ihn vermeintlich erträglicher machen.

auch wenn ich nur drei beispiele genannt habe (weil man diese drei charaktere auch den größten teil der zeit sieht): eine durchweg überzeugende besetzung. authentizität ist das andere pfund, mit dem „unorthodox“ wuchern kann. das fängt bei der kleidung an und setzt sich im konsequent in der williamsburg-gemeinde gesprochenen jiddisch fort, was eine synchronisation nochmal unattraktiver macht. die gesamten bräuche im alltag sowie bei der hochzeit sind nicht nur gut recherchiert, sondern auch notwendig, um estys motivation zur flucht noch klarer herauszuarbeiten.

also: glasklare empfehlung. es gibt auch ein making-of, das neben dem betriebenen aufwand auch das leben der satmarer in new york zumindest ansatzweise beleuchtet und die parallelen zu deborah feldmans geschichte zieht (sie kommt auch selbst zu wort).
durch meinen urlaub in israel vor zwei jahren wurde mir zwar klar, dass das patriarchat auch im jüdischen glauben raum einnehmen kann. aber bis zu der serie wusste ich nicht, dass es davon noch restriktivere auslegungen wie im falle der sekte der satmarer gibt, die nach dem holocaust in new york als strömung des chassidismus wiedergegründet worden war.
es bleibt festzuhalten: erkenntniszuwachs meinerseits bezüglich ausprägungen des jüdischen glaubens. noch dazu ein jederzeit spürbarer kontrast zwischen der streng reglementierten satmarer-gemeinschaft in williamsburg auf der einen und esty mit ihren ersten zaghaften schritten im berliner getümmel auf der anderen seite. alleine deshalb waren das für mich sehr kurzweilige, nachwirkende vier stunden (das making-of einberechnet).

serdar somuncu initiiert kulturfonds

wer ihm auf instagram folgt, weiß es bereits. wer nicht, dann eben jetzt. zwar wurde heute das hilfspaket von der großen koalition vorgestellt, das neben mittel- und kleinunternehmen auch solo-selbständige berücksichtigt, die nun einfacher hartz iv beziehen können als zuvor. heißt: keine vermögensprüfung und auch die wohnung gilt als angemessen – und das bis ende juni.

dennoch: vom grundeinkommen ist das noch weiter entfernt als ich es mir in meinem idealismus erhoffe. um die konsequenzen für die kreativen weiter abzufedern, gibt es nun den corona kulturfonds (der nach drei tagen bereits 9.314,26 euro gesammelt hat – stand 23.03.2020, 19:34 uhr), in den man via paypal einzahlen kann. wer noch was übrig hat, sei hiermit ermuntert.

taz: ende einer theorie – corona-dämmerung für neoliberalismus

auch wenn wir gemessen an anderen ländern gerade mal den anfang der pandemie hinter uns gelassen haben: es ist offensichtlich, wie hysterisch der markt auf drohende produktionsausfälle und damit nachlassendem konsum reagiert. so als ob dies die große aufrechtzuerhaltende illusion ist, die nun wegzubrechen droht.

ich habe mich zwar sowohl in der oberschule am leistungskurs wirtschaft sowie im studium vergeblich am absolvieren von betriebswirtschaft als nebenfach versucht und bin daher leichte beute für diejenigen, welche die hier vorgenommene dekonstruktion der neoliberalen theorie umkehren möchten. aber das thema schwelt aus gründen der persönlichen erfahrung seit einiger zeit bei mir im hinterkopf herum.
allem menschlichen leid und tragödien, die an covid-19 dranhängen, zum trotz: gut, wichtig, höchste zeit, dass auch solche standpunkte in die debatte kommen. wird auch hoffentlich nicht vergessen, wenn zumindest der pandemische aspekt überstanden ist.

klick

groove: corona und die folgen

ein virtueller runder tisch mit denjenigen, die entweder vor zwei jahrzehnten noch existentielle angst gehabt hätten (ellen allien, robag wruhme) und auch denjenigen, die es direkter betrifft (meggy, marlon hoffstadt und auch markus ossevorth). stößt in ein ähnliches horn wie die forderung nach dem grundeinkommen zur abfederung der existentiellen krisen und hat darüber hinaus ein zitat von marlon hoffstadt, das meine aktuelle gemütslage sehr genau trifft:

„So schlimm das natürlich alles generell ist: Für mich persönlich ist es die ultimative Entschleunigung, die ich gerade dringend brauche – und die Szene auch.” Das ewige „Höher-Schneller-Weiter” mit all den internationalen Flügen sei sowieso kein Dauerzustand.

das und alles weitere ist hier zu lesen.

petition zum bedingungslosen grundeinkommen

covid-19 macht auch hier nicht halt. vorab muss ich einfach zugeben, dass ich dank festanstellung bei einem multinational operierenden unternehmen ziemlich fein raus bin. klar kann ich mir nicht alles an musik oder luxusgütern kaufen, was ich gerne würde. dennoch ist es wesentlich einfacher als noch zu studentenzeiten.
das hilft aktuell jedoch, die perspektive derjenigen einzunehmen, die im kreativbereich oder anderweitig selbständig sind und nicht wissen, wie sie in den nächsten wochen oder monaten über die runden kommen sollen. damit sich der kreis zum studium wieder schließt: von der idee des bedingungslosen grundeinkommens habe ich genau dort in einem proseminar gehört und war seitdem davon angetan. der einführung stand bisher stets ein menschenbild des müßiggangs im weg, daher waren tests nur auf wenige erdteile beschränkt. einige haben zwangsläufig erstmal nun keine andere wahl als das leben in den tag hinein, weil aufträge, gigs, engagements wegbrechen und auch tatsächlich kein anderes standbein vorhanden ist.

insofern haben sich für mich dogmen wie „wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ vor der aktuellen lage überholt. es gibt momentan nicht die gelegenheit für einige dazu (außer mensch mag sich gerne im supermarkt als helfer*in bewerben, was momentan mit der respektabelste job ist, der mir neben pfleger*innen und ärzt*innen einfällt), weil firmen momentan als letztes daran denken, leute einzustellen.
die situation ist für jede*n ungewiss. und bevor es für einige noch prekärer wird als ohnehin schon, könnte man es für drei bis sechs monate tatsächlich auf einen versuch ankommen lassen. dafür gibt’s jetzt bei change.org eine petition, die noch gestern mittag um die 36.000 unterschriften hatte, aber gut einen tag später bei über 100.000 angekommen ist.

wenn ihr meint, dass es den versuch oder wenigstens eine erneute debatte unter veränderten vorzeichen wert wäre: klick.