nach zehn jahren wurde es mal wieder zeit für einen japan-ausflug und die gelegenheit ist für mich günstiger als je zuvor. das contact gibt es zwar nicht mehr, aber dafür diesen kapazitätstechnisch ähnlich großen club, ebenfalls in shibuya. dj maria. hat durch diverse berghain-gastspiele vorschusslorbeeren. hab’s leider nie geschafft, dafür jetzt bei ihrem heimspiel.
dj maria.
room 1
dj maria.
munemasa
koshiro
room 2
lost
manato
neon noir
caimann x aki igarashi
nita x bundo
start
23 uhr
nachbetrachtung
rein: 23:20 uhr
raus: 04:00 uhr
kurzversion
sehr gute unprätentiöse adresse, um techno genießen zu können. der club erinnert sehr an eine miniaturausgabe des open ground mit ähnlich gutem klang. alle drei djs in room 1 mit eigener note, ein publikum, das sich (ausnahmen gibt’s immer – zumeist die touristen) auf die musik einließ und bei einzelnen tracks regelrecht euphorisch war. sollte mensch auf der liste haben, wenn ausgehen zu elektronischer musik in tokyo auf der liste steht. ich würde wieder hin.
langversion
ich hatte noch rest-jetlag in den knochen, der sich in unregelmäßigem schlaf äußerte. zudem war ich erst acht stunden zuvor aus ito kommend in tokyo angekommen und ob der menge an menschen in dieser stadt überwältigt. das hatte ich vor zehn jahren anders in erinnerung, allerdings bin ich seinerzeit im herbst gereist. insofern war eine dunstglocke aus müdigkeit über mir, was ein kaffee aus dem 7-eleven und eine cola vor ort nur leidlich kaschieren konnten.
auch wenn ich es mit den öffentlichen verkehrsmitteln einfacher hätte haben können (die station omote-sando befindet sich direkt schräg gegenüber vom vent), wollte ich mir einen teil der samstagabend-erfahrung in shibuya geben. hieß konkret: an der shibuya-station aussteigen, die kreuzung auf mich wirken lassen und mich fragen, ob die hochhäuser östlich davon vor zehn jahren schon standen. von dort aus zu fuß weiter richtung vent. der trubel wurde bald weniger und die milden abendtemperaturen taten ihr übriges, dass sich die entscheidung als goldrichtig erwies.
würde das schild nicht vor dem eingang des festa omotesando buildings stehen, könnte mensch nicht vermuten, dass sich hier ein club befindet. andererseits sind die bässe aus dem keller schon deutlich zu hören.
im ersten hinterhof wird mensch in empfang genommen. da zeigt sich einer meiner (wenigen) kritikpunkte: mensch braucht entweder die line-app oder instagram, über die mensch das einverständnis mit den regeln des vent bestätigen muss. wer beides nicht hat oder haben möchte, bleibt außen vor. da wären datenschutzfreundliche alternativen besser. zudem benötigt: ein lichtbildausweis. meinen pass hatte ich nicht dabei, es reicht jedoch auch der ausweis oder führerschein. steht sogar so auf der website und bei residentadvisor. ergo meine schuld, dass ich das nicht auf dem schirm hatte.
als letzten schritt die kamera abkleben lassen und über eine schmale treppe ab nach unten.
da muss ich mich in einer hinsicht korrigieren: das vent ist von der kapazität her wesentlich kleiner als das contact seinerzeit. gut die hälfte, würde ich schätzen. room 2 liegt geradezu hinter der kasse, wo bei meiner ankunft dubstep lief, den rest des abends techhouse. der raum ist jedoch erstens ein schmaler schlauch mit bar an der linken seite, zweitens mit 50 leuten mehr als gut gefüllt und drittens der raucher*innenbereich. also alles keine gründe, dass ich dort längere zeit zubringen wollte.
eine garderobe gibt es nicht, stattdessen (wie seinerzeit auch im contact) schließfächer für 300 yen. unten zwei sehr kompakte, nach geschlechtern getrennte klos, die für eine kapazität von 400 leuten unterdimensioniert wären, gäbe es nicht die unscheinbare treppe nach oben, wo sich weitere schließfächer und kabinen mit eigenen waschbecken (!) und den berühmt-berüchtigten japanischen toilettensitzen befinden.
von den klos unten weiter geradeaus landet mensch auch schon im vorraum zur tanzfläche. linkerseits die bar (deren getränkekarte sich auch nur über instagram einsehen lässt), rechts die sitzecke mit baum in der mitte, wo ich mich frage, wie die photosynthese dort klappen soll. zum sich-unterhalten schon gut, aber ich fände sitzbänke statt hocker an den seiten besser. so ist das jetzt zwar modular, aber birgt auch das risiko, dass der zugang zum backstage versperrt wird. für mich eine ästhetikfrage – bänke wirken in solchen räumen stets besser. hocker sind für den tresen an der bar super, nur ist im vent dafür kein platz.
tanzfläche geradezu hinter dem barbereich, dort ist die aufteilung simpel: auf der linken seite sound und licht. der tontechniker war den ganzen abend im einsatz, so dass das taguchi-soundsystem seine qualitäten (wahnsinnig gute transparenz bei gleichzeitiger wärme im subbass-bereich) ausspielen konnte. das licht lief (zweiter kritikpunkt) eigentlich den ganzen abend über auf autopilot bzw. bestand bis zum ende des sets von koshiro aus statisch auf die tanzfläche rot leuchtenden spots. sollte das kein wunsch der künstler gewesen sein: da wäre mehr gegangen.
im gesamten clubbereich sind absorber an wänden und decke verbaut, womit das vent ästhetisch sehr an das open ground erinnert. wer sich mitten ins getümmel stürzen möchte: sich vom barbereich aus mittig oder rechts halten. links am front of house vorbei fand sich für mich stets ein weg oder relativ ungestörter platz.
positiv auffällig: das disziplinierte japanische publikum. mensch merkt, dass sie wegen der musik ausgehen – so wurden manche tracks und dj-wechsel regelrecht euphorisch begrüßt. sets verkommen nicht zur beiläufigen unterhaltung, um instagram zu checken oder nachrichten an den freund*innenkreis zu schicken bzw. sich gleich auf der tanzfläche zu unterhalten. da kommt die lage des vent im keller auch zupass, was – analog zum open ground – zu problemen führen kann, wenn ein track dringend per shazam identifiziert werden muss: auf der tanzfläche ist so gut wie kein empfang, im barbereich ist das schon besser, zumal auch dort kleinere lautsprecher verbaut sind und die chancen somit besser stehen, dass shazam was findet. generell ist der mangel an gutem empfang mehr als gut zu verschmerzen – war der stimmung eh dienlicher.
ziemlich schade, aber aufgrund des angebots an lokalen talenten bei gleichzeitigem mangel an locations in der größe wohl nicht zu ändern: die kürze der sets. bei sechseinhalb angesetzten stunden mal eben fünf slots in room 2 zu besetzen, lässt nur gut einstündige sets zu.
das war in room 1 geringfügig besser: munemasa übergab bereits um 0:30 uhr an koshiro, und der wiederum um kurz nach 2:00 uhr an dj maria., bei der ich nicht weiß, ob sie bis zum schluss alleine weitergemacht hat. gerade in room 1 wäre es ein leichtes, die sets zwei stunden dauern zu lassen, mit headliner*in in der mitte. voll genug wäre es um 1:00 uhr definitiv gewesen, und koshiro hat einen so guten job gemacht, dass er sich – neben dj maria. und mari sakurai – als weiterer export für’s berghain empfohlen hat. stilistisch industrieller geprägt als munemasa, der wiederum minimal-trippigen techno mit durchaus (psy-)tranceartigen anleihen spielte. dj maria. zwischen minimalerem trance und acid – womit sie auf meinem zettel bei zukünftigen berghain-gastspielen gelandet ist. alle drei technisch super sowie abwechslungsreich und mit jeweils eigenem stil, der trotzdem zu den anderen auf dem line-up passte – so wie es sein muss.
ist also fluch und segen zugleich: vielen richtig guten djs eine bühne bieten zu wollen, dabei nur 52 wochenenden jährlich zur verfügung haben und gleichzeitig wirtschaftlich rentabel zu bleiben. wäre die welt ein wunschkonzert, sollten die betreiber*innen des vent eine zweite, minimal größere version eröffnen. auch mit zwei floors, aber mit dezidiertem raucher*innenbereich. diese sollte dann parallel zum vent existieren, in beiden versionen sollten bei einer dauer der party von sechs stunden zwei acts auf dem hauptfloor (gerne auch all-nighter, wie es jetzt im vent bereits hin und wieder vorkommt) und auf dem zweiten höchstens drei slots vergeben werden. dazu: residents. abseits der headliner*innen wirkt es momentan so, dass sie zwar stilistisch passende leute dazubuchen. aber gerade da zeigt sich bei den wechselnden namen, dass viele ihre chance im vent bekommen, es aber meistens bei etwas einmaligem bleibt, ohne dass leute wenigstens einmal im quartal spielen. ist andererseits auch der stilistischen vielfalt geschuldet, mit der das vent auf hohem niveau bucht und die es (für mich zu recht) zu einer der besten adressen zum ausgehen zu techno und house in tokyo machen. nicht ohne grund können sie im oktober zehnjähriges bestehen feiern. dennoch: zeigt das dilemma im clubleben generell: viele djs können und wollen erst recht, aber es gibt zu wenige orte. und gerade in japan ist es eine demographische sowie ökonomische frage, wonach es nicht gesetzt ist, dass clubs mittlerer und kleiner größe sich rentieren.
all die kritikpunkte und dilemmata außen vor: war echt gut. ich hab das vent fest auf dem zettel, wenn ich wieder mal in der gegend sein sollte.
notierte tracks
munemasa
blndfld – with that
koshiro
chloe lula – cyrenaic paradox
rene wise & ignez – anjos
dj maria.
so-fi – strange system (erster track)
braincell – travelling clairvoyance
steve murphy – eyes behind the door
planetary assault systems – rip the cut (luke slater remix 2)
so-fi – nesting
two sided agency – nostalgia for lost futures
igneous sauria – skip insect
