version 1.0, verfasst am 1. november 2026 um 17:21 uhr und damit zwischen bekanntgabe der nachricht und aufbruch richtung neukölln zur abyss
leider bin ich gerade auf dem sprung, wobei mir nach der nachricht weniger nach feiern zumute ist. der nachruf fällt daher vorerst knapp aus.
er hätte letzte nacht im yuyu cine club in mexico city spielen sollen, wurde stattdessen leblos in seinem hotelzimmer aufgefunden und später im krankenhaus für tot erklärt. mit gerade mal 64 jahren.
das musikalische erbe, das er mitverantwortet (und der legende nach beim wegweisenden sampler auf virgin anno 1987 benannt) hat: unermesslich.
version 2.0, bzw. der zweite anlauf – am 3. november 2026 um 17:27 uhr gestartet und immer noch mit der befürchtung, ihm nicht mal ansatzweise gerecht zu werden
„clear“ – für viele wohl der einstieg in seine diskographie. einfluss von kraftwerk und electro aus new york: unbestritten. keine ahnung, wann ich das stück das erste mal bewusst hörte. mit sicherheit jedoch erst nach 1994 – dem jahr, in dem mein interesse an techno entzündet worden war. detroit war mir als damaliger teenager als autostadt mit dem verblassten glanz vergangener tage ein begriff, aber techno durch die mayday und damit durch low spirit geprägt.
vorspulen auf zwei, drei jahre später: auf arte lief die hier bereits erwähnte dokumentation „universal techno“ – mit originalaufnahmen aus detroit und originaltönen aller belleville three, wobei juan atkins neben derrick may den größten redeanteil hatte. „alleys of your mind“ lief dort im hintergrund – wie „clear“: ein cybotron-stück, zusammen mit richard davis produziert, anno 1981 und somit zwei jahre zuvor erschienen. schon darin deuteten sie eine minimalere version von synth-pop bzw. new wave an, in der menschlichkeit (oder der rest davon?) den dialog mit der technologie wagt – oder eher durch sie hindurch: eine per vocoder heruntergepitchte und roboterhaft wirkende stimme mit leichtem delay obendrauf. die verlorenheit, die jede*r zu der zeit in detroit lebende*r gespürt haben muss, fand durch diese stimmgebung und moll-töne ihre entsprechung. sie wurde aber mit einem bis dato nicht gekannten futurismus gekreuzt, der sich durch das schaffen von juan atkins ziehen sollte.
„alleys of your mind“ reiht sich damit in ein für elektronische, und für meine begriffe somit für musik generell ganz schön wegweisendes jahr ein: „computerwelt“ von kraftwerk war ebenfalls erschienen, gleiches gilt für „sharevari“ von a number of names. in detroits stadtgrenzen war „alleys of your mind“ für eine indie-produktion äußerst erfolgreich. „clear“ sowie „enter“ als dazugehöriges album öffneten die tore richtung internationaler bekanntheit.
auch wenn ich damit gegenüber der „clear“-fraktion sakrileg begehe: für mich bleibt „alleys of your mind“ ihr meisterstück. „universal techno“ gab en passant einiges an hausaufgaben auf, die sich ab 1998 dank hardwax ganz gut erledigen ließen.
jedenfalls war diese doku meine erste richtige berührung mit juan atkins. sicher mag ich seinen namen auf manchen tresor-flyern wahrgenommen haben, die ich damals bereits im wom am kurfürstendamm mitnehmen konnte. aber mangels volljährigkeit blieb mir die clubwelt noch fern und seinen einfluss auf techno machte mir „universal techno“ erst ansatzweise klar.
dankenswerterweise sprang viva mit housefrau bzw. house tv in die bresche, wo hin und wieder „the flow“ lief. model 500 existierte als sein alias dort schon wenigstens zehn jahre und „the flow“ war retrospektiv eine sehr futuristisch wirkende pop-variante. in meiner erinnerung jedenfalls meine zweite bewusste begegnung mit ihm. alles noch vor „no ufos“ oder „time space transmat“, aber ungefähr zeitgleich und als beweis dafür, wie prägend mix-cds oder sampler mitte bis ende der 1990er noch waren: „future“ sowie „technicolor“ waren auf der „electro boogie“-x-mix von dave clarke vertreten (die mit etwas verzögerung auch einiges an stoff für mein hausaufgaben-heft lieferte – ich musste mich ehrlicherweise erstmal an electro gewöhnen), „starlight“ auf dem vierten tresor-sampler namens „solid“ (wo wiederum der jonzon-mix weitere hausaufgaben bedeutete, aber ich schweife ab).
es ging also vor meiner volljährigkeit recht schnell, dieses so fremde clubuniversum zumindest indirekt zu erschließen und zu schauen, wer sich hinter den kryptischen namen verbirgt. müßig zu erwähnen, dass das dank der berlin-detroit-verbindung im tresor nur eine frage der zeit war, ehe ich mit weiteren fundamentalen tracks sowie namen vertraut war. „no ufos“ gehört in jedem fall zu den ersten platten, die ich im hardwax gekauft habe. und ich erinnere mich noch genau daran, wie sehr ich anno 1999 dort mit „mind & body“ fremdelte. eine derartige genre-vielfalt bekam ich damals einfach nicht mit ihm als dem namenspatron von techno überein – und auch wenn djing für mich zu der zeit eher wunschvorstellung als realität war, konnte ich mir das im club nicht vorstellen.
klassischer fall von engstirnigkeit – zumal „the flow“ von „deep space“ als vorgängeralbum bereits tempotechnisch abseits gängiger techno-tempi unterwegs war. ich bin mir nicht sicher, wann ich da über meinen schatten gesprungen bin. kann sogar recht zeitnah gewesen sein, als es die cd im saturn günstig gab. ich greife zwar immer noch nicht so regelmäßig auf „mind & body“ zurück wie auf „deep space“, aber zu hören ist darauf ein pionier, der sich nicht auf seinen lorbeeren ausruht, sondern das ohr an zeitgemäßer musik hat und sich ihr nicht andient, sondern selbstbewusst seine klangliche vision mit der von anderen kreuzt. „incredible“ ist ein drum&bass-track, der sich hinter reprazent und 4hero absolut nicht zu verstecken braucht und „just maybe“ ist mit seiner trip-hop-ästhetik und jazzigen vocals einfach unkategorisierbar. sprich: ich hab das album zunächst völlig verkannt – es zeigt auch heute noch einen ungebrochenen entdeckergeist.
es muss so um 1999/2000 herum gewesen sein, als ich ihn im tresor – bzw. oben im globus – das erste mal gehört habe. „much respect“ von stephen brown ist mir aus dem set noch in erinnerung, aber auch die tatsache, dass ich meine zeit – wie so häufig – lieber unten im tresor verbrachte. ein technisch begnadeter dj war an ihm – im vergleich zu manch anderen aus motor city – nicht verloren gegangen. ich konnte einen haken dahinter machen und ging lieber hin, wenn suburban knight oder dj rolando spielten.
wieder vorspulen auf 2023: im rahmen des strom-festivals fiel juan atkins die ehre zu, das festival mit dem letzten dj-set beschließen zu dürfen. das ist detailliert für februar 2023 nachzulesen. natürlich stand er bei diesem set mit einem bein in der vergangenheit, natürlich war sein mixing ausbaufähig, aber natürlich freute ich mich auf der tanzfläche riesig darüber, dass er neben „strings of life“ auch abseitigere detroiter tracks wie „chicken noodle soup“ von carl craig oder „aural 721“ von robert hood gespielt hat. und darüber, dass er sein set u.a. mit bass music von calibre beschloss. wie als produzent: wenn auch das eine bein in der vergangenheit war, sprang er mit dem anderen richtung futurismus, stets auf der suche nach der nächsten kreuzung zu etwas neuem.
nachdem ich später seinen auftritt vom nuits sonores anno 2019 als model 500 (damals bereits um dj skurge und mark taylor erweitert) sah, habe ich auf den nie enden wollenden hausaufgabenzettel gesetzt, mir das anzuschauen, wenn sich in hiesigen gefilden die gelegenheit ergibt. die dortige version von „i wanna be there“ liefert sich bei mir seitdem ein kopf-an-kopf-rennen mit dem original.
leider wird es nicht mehr dazu kommen, ihn auch mal mit einem seiner ursprünglichen aliasse (auch cybotron wurde vor einigen jahren reaktiviert) als live-act zu sehen. immerhin hat es vor zehn jahren zum 25-jährigen tresor-jubiläum zusammen mit einer anderen legende (moritz von oswald) geklappt.
auch wenn ich weiß, dass die zeit für legenden (die auch nicht frei von ihren dämonen sind) endlich ist, schmerzt es doch, ihn mit nur 64 jahren gehen sehen zu müssen. erst recht, weil nicht viele von sich behaupten können, mit mitte 20 eine musikalische revolution mit in gang gesetzt und eine blaupause geliefert zu haben, die 40 jahre später noch gültig ist. es bleibt die hoffnung darauf, dass juan atkins eines tages wie selbstverständlich in einem atemzug mit miles davis, prince, james brown oder george clinton genannt wird. ein großer teil von mir, der ihn in interviews stets bescheiden, beinahe schüchtern erlebt hat, wünscht sich, dass er tief in sich von seinem verdienst wusste. was bleibt: das bild eines rastlosen auf der suche nach dem nächsten zwischenstopp in der musikalischen galaxie, eines derjenigen, die futurismus alleine aus hoffnung auf bessere zeiten verkörperten – und natürlich dutzende zeitlos geile tracks mit einer gehörigen portion funk und seele.
keine dankbarkeit – die wäre zu wenig. vielmehr demut.
r.i.p., einer der allergrößten!