[osaka / 08.08.2026] bar inc: weekend selecters

dj so hat auf dem nachtdigital vor einigen jahren bei einem slot gespielt, den ich verschlafen habe. und seitdem auch im berghain einige male. jedes mal wohl mit gutem eindruck bei denjenigen, die ihn gehört haben. also jetzt hier vor ort.

nachbetrachtung

die bar inc liegt nur wenige meter von der haupteinkaufsstraße mido-suji mit cartier und apple in der nähe entfernt. von außen deutet ein schild darauf hin, daneben eine tür zum treppenhaus. gefühlt zwei etagen runter wurden bei mir erinnerungen ans contact seinerzeit wach. unten angekommen gibt es vor dem zugang zur bar selbst einen schalter, an dem mensch den eintritt bezahlt.

um es gleich vorwegzunehmen: ich ziehe den circus als location vor. das liegt aber in allererster linie daran, dass mir bars als konzept weniger taugen als clubs und sich die bar inc als ebensolche anfühlte. insofern: keine mogelpackung – der fokus liegt auf guter getränkeauswahl mit der möglichkeit, neben der bar etwas zu tanzen. dementsprechend ist die anlage etwas kleiner dimensioniert. zum einen konsequent, weil es unterhaltungen im gesamten raum erleichtert, zum anderen bedauerlich, weil leute ohne bewusstsein für ihre umgebung, aber mit lautem organ auf der tanzfläche gleich doppelt eindruck hinterlassen. keinen guten übrigens – und ja: es handelte sich um touristen (wer mir den satz mit dem glashaus und den steinen in erinnerung rufen möchte – touché).

als bar wahrscheinlich top. minimalistische architektur mit hohen decken und betonwänden, lederhocker sowie tische an der rechten seite, imposante regale mit leiter hinter der bar auf der linken. das dj-pult schließt linkerseits an den barbereich an, die tanzfläche nimmt vielleicht ein drittel des raumes ein. im gegensatz zu vent und circus jedoch: ein wenig akzentuiertes licht gab es, das meiste übernahm eine discokugel.

wie auch beim vent: schade, dass so viele djs auf dem line-up landen müssen. einerseits ist’s ja fair, weil viele damit ihre chance bekommen. andererseits führt das auch leider zu 90-minütigen sets. kann von vorteil sein, wenn eine*r am laufenden band danebengreift, aber das war an dem abend zumindest bei der auswahl nicht der fall.

ich war ab ca. 21:30 uhr da. zu der zeit war byobu am spielen, dessen profil zwar disco sowie dark disco aufweist. mir kam es sehr housig vor, gegen ende mit viel chicago und damit acid. schon mal ein schöner einstieg.
luca danach mit melodischerem house, was im mix leider mal harmonisch über kreuz lag, dennoch von geschmack zeugte (es wird den tag einfach nicht geben, an dem „life immoreal“ von joe lewis staub ansetzt und ich hätte nicht gedacht, dass masters at work auch so dubbig können).
dj so schlicht und ergreifend hervorragend. melodisch, dubbig, techhousig, trotz der kurzen dauer von 90 minuten mit intensiveren wellen, was er über basslines akzentuiert. meisterhaft subtiler aufbau und paradebeispiel dafür, mir stile zu verkaufen, die nicht mein beuteschema sind, aber dafür komplett seines. sollte also nicht lange zögern, wenn er mal wieder in berlin spielt – um die floskel zu bemühen: er hat definitiv seine eigene handschrift.
hi-c machte ab 1:30 uhr mit house weiter. aber aufgrund selbstverschuldeten schlafmangels* und des vorhabens, mir am sonntag den hafen osakas anschauen zu wollen, entschied ich mich für den heimweg. auf dem mir klar wurde, dass die jungen leute lieber ins bambi zu j-pop gehen. zumindest war die schlange davor schon sehr ordentlich.

*: airpods pro der zweiten generation am abend zuvor in der waschmaschine mitgewaschen, entsprechender groll gegen meine schusseligkeit. ergo zähneknirschender gang am samstagmittag zum apple store zum kauf der dritten generation, die sich in den zwei folgetagen bei der geräuschunterdrückung sowie batterielauftzeit und klang bereits dicke bewährt haben, während sich die zweite generation nach zweitägiger trocknung auf wundersame weise regeneriert hat.

notierte tracks

byobu

arsene – jack shit
a guy called gerald – how long is now
todd terry & dj pierre – funky tees (tee’s freeze mix)
fierce ruling diva – you gotta believe (i believe mix)

luca

joe lewis – life immoreal
masters at work – maw space (dub mix)

dj so

ntfo – esperantza
silat beksi – off grid
edward – not forgotten

[osaka / 01.08.2026] circus osaka: dubby monza

ich hab’s davon abhängig gemacht, wie fit ich nach dem ersten netto-tag vor ort bin. fakt ist: der startete ob meines schwankenden schlafrhythmus ohnehin schon etwas träge im kopf. die hitze bei 35 grad tut ihr übriges. also kann ich mir den club alleine schon anschauen, um die nötige bettschwere zu sammeln.

dubby monza

23:00 aoki takamasa
01:00 yossy
02:30 kohei
04:30 b2b

start: 23 uhr
eintritt: 3000 jpy

nachbetrachtung

am westlichen ende shinsaibashis und damit ab vom dichten trubel gelegen, macht der circus einen sehr unprätentiösen eindruck – von außen und innen. mich erstaunt es nach wie vor, dass elektronische musik trotz eines sehr fachkundigen und geduldigen publikums im japanischen nachtleben eine marginale rolle spielt. aber da kommt die berliner brille ins spiel, wo techno und konsorten der nicht mehr ganz so neue konsens sind. j-pop unter grellem licht ist bei den gerade volljährigen eher geboten, spiegelt sich auch in den hiesigen plattenläden wider.

das circus liegt in einem dieser gebäude, wo sich verschiedene etablissements auf einzelne etagen verteilen. mensch muss also etwas die augen offen halten, sieht dann aber die plakate zur party. ab durch den flur in den zweiten stock, vor der tür den eintritt bezahlen, dann rein.
die location ist entsprechend unspektakulär. schmaler gang mit den toiletten rechts, links der zugang für künstler*innen und personal. quasi einmal an der tanzfläche vorbei. dreht mensch sich am ende des ganges links um, lässt sich der gesamte club erfassen. mit 200 leuten wird’s schon kuschelig, 300 leute absolutes maximum. an dem abend war glücklicherweise ersteres der fall.
das dj-pult ebenerdig, es stand ein e&s djr400 zwischen den technics, sound kommt von void und klang (natürlich) satt. wie bereits im vent wurde dem licht keine aufmerksamkeit geschenkt – es blieb einfach aus. ein oszilloskop hinter dem dj-pult sorgte für die einzige akzentuierung, sonst blieb das licht vom dj-pult selbst und der bar. allerdings: das reichte völlig aus – die leute gingen auch so mit.

der name der party war programm. aoki takamasa schlicht und einfach mit sehr gut ausgesuchtem dubtechno, der gerne auch richtung techhouse schielte. war damit für’s warm-up super.
yossy mit einem waschechten dub-showcase, wie mensch es von der rootsbase auf der fusion kennt. also platte nach platte abgespielt. irgendwas zwischen digi und roots – so bewandert bin ich in dem genre nicht. hätte ich die wahl zwischen beidem, würde ich mich für roots entscheiden, weil das im allgemeinen minimaler arrangiert und die blaupause für dubstep somit dort nicht zu überhören ist. war aber schön anzusehen, dass das publikum diesen wechsel zum großen teil einfach mitgemacht hat.
kohei mit minimal, wie er in berlin um 2010 herum gespielt worden ist. wie bei den beiden sets zuvor mit bedacht zusammengestellt, aber in kombination mit den temperaturen (es herrschten seit wochen wenigstens 30 grad, wenn ich vor die tür trat) und dem sightseeing am tag war meine müdigkeit eindeutig stärker, so dass „beau mot plage“ von isolée um 3:15 uhr ein schöner schlusspunkt war.

notierte tracks

aoki takamasa

rhythm & sound – range
anton kubikov – power under your skin
roger gerressen – untitled 1 (monoaware)
cv313 – infinit-1 (original 12″ mix)

yossy

micah shemaiah – fire burning
michael rose – natural high

kohei

isolée – beau mot plage

r.i.p. john collins

eine weitere der detroiter schlüsselfiguren, die im hintergrund die fäden in der hand hielten und sich nicht in das rampenlicht gedrängelt haben. john war anno 2017 derjenige, der meine kontaktaufnahme zu submerge bzw. dem somewhere in detroit-plattenladen beantwortete. eines der vielen felder, auf denen er wirkte. als dj war er bereits seit den 1980ern aktiv und bekam die ursprünge von techno damit hautnah mit.

ein wichtiger bestandteil der detroiter musikgeschichte, was er durch seine führungen durch die exhibit 3000 oder als mentor für den nachwuchs unterstrich. und damit einer der besten botschafter, wie underground resistance sowie submerge – ach, detroit im allgemeinen – ihn sich wünschen konnten.

r.i.p.

r.i.p. lou koller

es war irgendwann 1994, als ich mir in der metal-abteilung im w.o.m. im forum steglitz einen der oberhalb der regale hängenden kopfhörer griff. vorhörstationen waren damals noch nicht so in mode, stattdessen liefen ausgewählte cds auf wiederholung.
von sick of it all hatte ich schon gehört, nur sie direkt noch nicht. und an besagtem tag lief „scratch the surface“, das seitdem in der liste meiner lieblingsalben aus den 1990ern einen festen platz hat. zugegeben: wirklich hinterher war ich nicht, um ihre diskographie lückenlos nachzuholen und nach der „built to last“ bereits schluss, was den kauf ihrer neuen alben angeht.

dennoch wollte ich es mir anno 2018 nicht entgehen lassen und schaute sie mir in ihrem berliner wohnzimmer – dem so36 – an. „lou koller wahnsinnig fit,“ schrieb ich damals. das traf auf den rest der band ebenfalls zu, die nach nunmehr drei jahrzehnten im amt absolut keine ermüdungserscheinungen zeigte.
dann vor zwei jahren die diagnose: speiseröhrenkrebs, mit crowdfunding-aktion seines bruders pete, da die behandlungskosten bei nicht wirklich vorhandener gesundheitsversicherung in den vereinigten staaten nicht mal eben nebenbei gestemmt werden können. es sah zwischenzeitlich auch gut aus, bis die nachricht kam, dass der krebs zurück sei und der kreislauf mit chemotherapie wieder von vorne losgeht.

alles daumendrücken leider vergebens: lou koller ist als eine der prägendsten stimmen des new york hardcore mit nicht mal 60 jahren verstorben.

r.i.p.

[tokyo / 20.06.2026] pool: susfu – bogdan raczynski

eine lokalität, die 100 leute fasst. noch dazu bogdan, welcher der legende nach eine zeitlang in tokyo gelebt hat. mal schauen, wie sich diese anzahl an acts in fünf stunden unterbringen lässt.

ablauf*

17:00-17:20 oshi
17:20-17:50 dj top gear
18:00-18:30 the obey unit
18:40-19:10 cdr
19:20-19:50 punsuca
20:00-20:30 pq
20:40-21:10 hyu
21:20-22:00 bogdan raczynski

*: die zeitlichen lücken hat jeweils oshi gefüllt.

nachbetrachtung

irgendwas läuft bei der übergabe der adresse an google maps in der ra-app schief. jedenfalls lotste diese uns in eine wohngegend, wo wir erstmal vor dem eingang eines mehrfamilienhauses standen. iflyer hatte die richtige adresse, und die war keine drei minuten zu fuß davon entfernt. wer sich die schnitzeljagd sparen möchte: die station sakuradai nehmen, von dort aus sind es nicht mal zwei minuten. an der kasse nur bares, was aber auch dank enger conbini-infrastruktur vor ort kein problem ist.

im souterrain eine art craft-beer-bar, wobei die sehr spartanisch mit tresen und einem tisch zum rumstehen eingerichtet ist. durch eine tür geht’s richtung keller, wohinter der ort so diy wirkte wie manches berliner hausprojekt – und damit schon mal sympathisch. musik hinter einer schallschutztür, der raum an sich so isoliert wie es nur geht, klang dank anwesendem techniker aber mehr als nur passabel. bei bogdan kam die anlage an ihre grenzen. aber da er sie mit dem klinkenausgang des macbooks bespielte, kann es auch sein, dass der teufel in der abspielsoftware seiner wahl zu finden war (was er dieser tage verwendet, habe ich nicht geschaut).

ankunft um 19:30 uhr, wo punsuca mit ihren selbstgebauten body-controllern gerade in den letzten zügen waren. bei oshi erinnere ich mich danach noch an „bassous“ von zuli, jedoch auf 45 statt 33.3 abgespielt. bei pq habe ich schon fast vergessen, wie er gespielt hat, fiel mir aber doch wieder ein: laptop, novation launchcontrol xl und noch etwas. übungen in delay und reverb. hyu mit einem nord modular g2 und achtton-sequenz, die er in seinen 30 minuten durchkonjugierte. bogdan im dunkeln, kniend und mit nichts, was ich von seinen rephlex-alben her kannte. fing ruhig an, steigerte sich aufgrund der knappen zeit jedoch schnell.

hatte etwas von einer eingeschworenen gemeinde – die kapazität von 100 leuten wurde zwar nicht ganz erreicht und es waren auch einige expats bzw. touristen dabei. musikalisch aber komplett gegen den strich – sehr schön, dass sowas in einer millionenmetropole wie tokyo möglich gemacht wird. stünde auch berlin gut zu gesicht, weil (gemessen an der einwohnendenzahl) die zielgruppe dort sogar größer sein müsste. es fehlen halt orte, die solche formate regelmäßig im programm haben – wobei ich den morphine raum endlich mal besuchen sollte.

[tokyo / 13.06.2026] vent: dj maria.

nach zehn jahren wurde es mal wieder zeit für einen japan-ausflug und die gelegenheit ist für mich günstiger als je zuvor. das contact gibt es zwar nicht mehr, aber dafür diesen kapazitätstechnisch ähnlich großen club, ebenfalls in shibuya. dj maria. hat durch diverse berghain-gastspiele vorschusslorbeeren. hab’s leider nie geschafft, dafür jetzt bei ihrem heimspiel.

dj maria.

room 1

dj maria.
munemasa
koshiro

room 2

lost
manato
neon noir
caimann x aki igarashi
nita x bundo

start

23 uhr

nachbetrachtung

rein: 23:20 uhr
raus: 04:00 uhr

kurzversion

sehr gute unprätentiöse adresse, um techno genießen zu können. der club erinnert sehr an eine miniaturausgabe des open ground mit ähnlich gutem klang. alle drei djs in room 1 mit eigener note, ein publikum, das sich (ausnahmen gibt’s immer – zumeist die touristen) auf die musik einließ und bei einzelnen tracks regelrecht euphorisch war. sollte mensch auf der liste haben, wenn ausgehen zu elektronischer musik in tokyo auf der liste steht. ich würde wieder hin.

langversion

ich hatte noch rest-jetlag in den knochen, der sich in unregelmäßigem schlaf äußerte. zudem war ich erst acht stunden zuvor aus ito kommend in tokyo angekommen und ob der menge an menschen in dieser stadt überwältigt. das hatte ich vor zehn jahren anders in erinnerung, allerdings bin ich seinerzeit im herbst gereist. insofern war eine dunstglocke aus müdigkeit über mir, was ein kaffee aus dem 7-eleven und eine cola vor ort nur leidlich kaschieren konnten.
auch wenn ich es mit den öffentlichen verkehrsmitteln einfacher hätte haben können (die station omote-sando befindet sich direkt schräg gegenüber vom vent), wollte ich mir einen teil der samstagabend-erfahrung in shibuya geben. hieß konkret: an der shibuya-station aussteigen, die kreuzung auf mich wirken lassen und mich fragen, ob die hochhäuser östlich davon vor zehn jahren schon standen. von dort aus zu fuß weiter richtung vent. der trubel wurde bald weniger und die milden abendtemperaturen taten ihr übriges, dass sich die entscheidung als goldrichtig erwies.

würde das schild nicht vor dem eingang des festa omotesando buildings stehen, könnte mensch nicht vermuten, dass sich hier ein club befindet. andererseits sind die bässe aus dem keller schon deutlich zu hören.
im ersten hinterhof wird mensch in empfang genommen. da zeigt sich einer meiner (wenigen) kritikpunkte: mensch braucht entweder die line-app oder instagram, über die mensch das einverständnis mit den regeln des vent bestätigen muss. wer beides nicht hat oder haben möchte, bleibt außen vor. da wären datenschutzfreundliche alternativen besser. zudem benötigt: ein lichtbildausweis. meinen pass hatte ich nicht dabei, es reicht jedoch auch der ausweis oder führerschein. steht sogar so auf der website und bei residentadvisor. ergo meine schuld, dass ich das nicht auf dem schirm hatte.
als letzten schritt die kamera abkleben lassen und über eine schmale treppe ab nach unten.

da muss ich mich in einer hinsicht korrigieren: das vent ist von der kapazität her wesentlich kleiner als das contact seinerzeit. gut die hälfte, würde ich schätzen. room 2 liegt geradezu hinter der kasse, wo bei meiner ankunft dubstep lief, den rest des abends techhouse. der raum ist jedoch erstens ein schmaler schlauch mit bar an der linken seite, zweitens mit 50 leuten mehr als gut gefüllt und drittens der raucher*innenbereich. also alles keine gründe, dass ich dort längere zeit zubringen wollte.
eine garderobe gibt es nicht, stattdessen (wie seinerzeit auch im contact) schließfächer für 300 yen. unten zwei sehr kompakte, nach geschlechtern getrennte klos, die für eine kapazität von 400 leuten unterdimensioniert wären, gäbe es nicht die unscheinbare treppe nach oben, wo sich weitere schließfächer und kabinen mit eigenen waschbecken (!) und den berühmt-berüchtigten japanischen toilettensitzen befinden.
von den klos unten weiter geradeaus landet mensch auch schon im vorraum zur tanzfläche. linkerseits die bar (deren getränkekarte sich auch nur über instagram einsehen lässt), rechts die sitzecke mit baum in der mitte, wo ich mich frage, wie die photosynthese dort klappen soll. zum sich-unterhalten schon gut, aber ich fände sitzbänke statt hocker an den seiten besser. so ist das jetzt zwar modular, aber birgt auch das risiko, dass der zugang zum backstage versperrt wird. für mich eine ästhetikfrage – bänke wirken in solchen räumen stets besser. hocker sind für den tresen an der bar super, nur ist im vent dafür kein platz.

tanzfläche geradezu hinter dem barbereich, dort ist die aufteilung simpel: auf der linken seite sound und licht. der tontechniker war den ganzen abend im einsatz, so dass das taguchi-soundsystem seine qualitäten (wahnsinnig gute transparenz bei gleichzeitiger wärme im subbass-bereich) ausspielen konnte. das licht lief (zweiter kritikpunkt) eigentlich den ganzen abend über auf autopilot bzw. bestand bis zum ende des sets von koshiro aus statisch auf die tanzfläche rot leuchtenden spots. sollte das kein wunsch der künstler gewesen sein: da wäre mehr gegangen.
im gesamten clubbereich sind absorber an wänden und decke verbaut, womit das vent ästhetisch sehr an das open ground erinnert. wer sich mitten ins getümmel stürzen möchte: sich vom barbereich aus mittig oder rechts halten. links am front of house vorbei fand sich für mich stets ein weg oder relativ ungestörter platz.
positiv auffällig: das disziplinierte japanische publikum. mensch merkt, dass sie wegen der musik ausgehen – so wurden manche tracks und dj-wechsel regelrecht euphorisch begrüßt. sets verkommen nicht zur beiläufigen unterhaltung, um instagram zu checken oder nachrichten an den freund*innenkreis zu schicken bzw. sich gleich auf der tanzfläche zu unterhalten. da kommt die lage des vent im keller auch zupass, was – analog zum open ground – zu problemen führen kann, wenn ein track dringend per shazam identifiziert werden muss: auf der tanzfläche ist so gut wie kein empfang, im barbereich ist das schon besser, zumal auch dort kleinere lautsprecher verbaut sind und die chancen somit besser stehen, dass shazam was findet. generell ist der mangel an gutem empfang mehr als gut zu verschmerzen – war der stimmung eh dienlicher.

ziemlich schade, aber aufgrund des angebots an lokalen talenten bei gleichzeitigem mangel an locations in der größe wohl nicht zu ändern: die kürze der sets. bei sechseinhalb angesetzten stunden mal eben fünf slots in room 2 zu besetzen, lässt nur gut einstündige sets zu.
das war in room 1 geringfügig besser: munemasa übergab bereits um 0:30 uhr an koshiro, und der wiederum um kurz nach 2:00 uhr an dj maria., bei der ich nicht weiß, ob sie bis zum schluss alleine weitergemacht hat. gerade in room 1 wäre es ein leichtes, die sets zwei stunden dauern zu lassen, mit headliner*in in der mitte. voll genug wäre es um 1:00 uhr definitiv gewesen, und koshiro hat einen so guten job gemacht, dass er sich – neben dj maria. und mari sakurai – als weiterer export für’s berghain empfohlen hat. stilistisch industrieller geprägt als munemasa, der wiederum minimal-trippigen techno mit durchaus (psy-)tranceartigen anleihen spielte. dj maria. zwischen minimalerem trance und acid – womit sie auf meinem zettel bei zukünftigen berghain-gastspielen gelandet ist. alle drei technisch super sowie abwechslungsreich und mit jeweils eigenem stil, der trotzdem zu den anderen auf dem line-up passte – so wie es sein muss.
ist also fluch und segen zugleich: vielen richtig guten djs eine bühne bieten zu wollen, dabei nur 52 wochenenden jährlich zur verfügung haben und gleichzeitig wirtschaftlich rentabel zu bleiben. wäre die welt ein wunschkonzert, sollten die betreiber*innen des vent eine zweite, minimal größere version eröffnen. auch mit zwei floors, aber mit dezidiertem raucher*innenbereich. diese sollte dann parallel zum vent existieren, in beiden versionen sollten bei einer dauer der party von sechs stunden zwei acts auf dem hauptfloor (gerne auch all-nighter, wie es jetzt im vent bereits hin und wieder vorkommt) und auf dem zweiten höchstens drei slots vergeben werden. dazu: residents. abseits der headliner*innen wirkt es momentan so, dass sie zwar stilistisch passende leute dazubuchen. aber gerade da zeigt sich bei den wechselnden namen, dass viele ihre chance im vent bekommen, es aber meistens bei etwas einmaligem bleibt, ohne dass leute wenigstens einmal im quartal spielen. ist andererseits auch der stilistischen vielfalt geschuldet, mit der das vent auf hohem niveau bucht und die es (für mich zu recht) zu einer der besten adressen zum ausgehen zu techno und house in tokyo machen. nicht ohne grund können sie im oktober zehnjähriges bestehen feiern. dennoch: zeigt das dilemma im clubleben generell: viele djs können und wollen erst recht, aber es gibt zu wenige orte. und gerade in japan ist es eine demographische sowie ökonomische frage, wonach es nicht gesetzt ist, dass clubs mittlerer und kleiner größe sich rentieren.

all die kritikpunkte und dilemmata außen vor: war echt gut. ich hab das vent fest auf dem zettel, wenn ich wieder mal in der gegend sein sollte.

notierte tracks

munemasa

blndfld – with that

koshiro

chloe lula – cyrenaic paradox
rene wise & ignez – anjos

dj maria.

so-fi – strange system (erster track)
braincell – travelling clairvoyance
steve murphy – eyes behind the door
planetary assault systems – rip the cut (luke slater remix 2)
so-fi – nesting
two sided agency – nostalgia for lost futures
igneous sauria – skip insect

[berlin / 07.06.2026] zitadelle spandau: massive attack / 47soul – nachbetrachtung

eigentlich wollte ich das posting hierzu absetzen, sobald die herren die bühne betreten. es war eine ziemliche odyssee, bis es jetzt endlich geklappt hat. ihren anfang nahm sie mit tickets für das velodrom im märz 2020 – von der pandemie durchkreuzt. nachholtermin im jahr darauf in der hoffnung, dass die pandemie eingehegt sein könne – vergebens. 2022 schien es dann endlich möglich – aufgrund der erkrankung eines der bandmitglieder abgesagt, tickets wurden rückerstattet.
für 2025 waren sie erstmalig für die zitadelle angesetzt. ticket im regulären vorverkauf verpasst, jedoch über fansale eines bekommen – dann am gleichen tag abgesagt. wer nach erfahrungswerten bezüglich der rückerstattung in solchen fällen sucht: das geht automatisch.

vieles ist seit sonntag über das konzert geschrieben worden, ein paar der artikel verlinke ich unten. meine sichtweise ist durchaus von der euphorie geprägt, dass es endlich mal geklappt hat, sie zu sehen.

ich will mich weniger mit den musikalischen darbietungen aufhalten. 47soul mit einem hybrid aus electronica, reggae und dabke (wie ich anhand besagter artikel gelernt habe). massive attack starteten mit „risingson“ und brachten in der (exklusive intro) 16 stücke umfassenden setlist noch vier weitere von „mezzanine“ unter. darunter „inertia creeps“ sowie „group four“, was mich überrascht und gefreut hat. neben deborah miller und elizabeth frazer gab es auch horace andy als gastsänger.
eine menge angebot für das einzige deutschland-konzert dieses jahr. die rechnung ging für meine begriffe auch völlig auf – so gut griffen ensemble und sänger*innen ineinander. der sound war vor dem wellenbrecher mittig (ca. 15 meter rechts vom front of house) stehend wunderbar klar und an den richtigen stellen voluminös. ein bis zwei dezibel mehr hätten den gesangsstimmen nicht geschadet, aber das ist geschenkt.

vielen – auch rezensenten – verhagelte die politische schlagseite die stimmung. natürlich war das engagement von 47soul als vorband aus jordanien bereits symbolisch genug. wo sie ihre botschaften jedoch ausschließlich über die musik transportierten, setzten massive attack auf den multimedialen ansatz mit projektionen. häufig genug mit kritik an der politik israels, jedoch wurden trump und putin ebenfalls nicht ausgespart. zudem eine simulation dessen, was mit einer überwachungssoftware wie palantir in einem publikum möglich sein könnte. weltpolitik wird als wettspiel dargestellt und von der frage gekrönt, wer darauf wetten würde, dass 2026 noch eine atombombe hochgeht. k-pop als soundtrack zur widerstandsbewegung nach dem gwangju-aufstand in südkorea anno 1980, dessen niederschlagung durch die militärjunta von den usa stillschweigend unterstützt wurde. massive attack coverten hierzu „regret of the times“ von seo taiji and boys und stellten am ende die frage in den raum, welche neue musik den widerstand gegen die alten korrupten mächte (während trump, putin und netanjahu eingeblendet wurden) sein wird. und der aufruf an die europäische union, sanktionen gegen israel zu verhängen.

es ist schon richtig: das war alles keine leichte kost. wer nostalgisches schwelgen in erinnerungen an laue abende aus der jugend erwartet hatte, an denen „teardrop“ im hintergrund läuft, wurde nicht nur auf dem linken fuß erwischt. ich war durch erfahrungsberichte sowie ihre präsenz in sozialen medien bereits darauf vorbereitet, dass es durchaus politisch werden könnte und wäre bei einer hamas-glorifizierung sowie rechtfertigung der taten des 7. oktober vorzeitig gegangen.
das ist alles nicht passiert. stattdessen war es neben den coverversionen sowie den nicht so offensichtlichen stücken aus dem repertoire eine politische informationsveranstaltung – mit durchaus missionarischem ansatz, zugegeben. aber wer sich mit den israel- sowie konsumkritischen positionen der band auseinandergesetzt hatte, konnte das halbwegs erwarten. ihre musik war nie der hymnische stoff, bei dem eine menge aus tausenden inbrünstig mitsingt, sondern vielmehr introspektiv. vor dem hintergrund kann ich zwar nachvollziehen, dass einige mit der erwartungshaltung hingegangen sind, ein entsprechend mild inszeniertes konzert zu bekommen, ohne dabei belehrt werden zu wollen. mit den zwei punkrock-stücken haben sie jedoch gezeigt, dass sie auch wilder können, und – viel wichtiger – die bloße konsument*innenhaltung konsequent in frage gestellt. klar ist palantir manchen ein begriff, die qualitätsmedien lesen. vom gwangju-aufstand habe ich beim konzert jedoch das erste mal gehört und mir wäre nicht in den sinn gekommen, k-pop als politisch zu betrachten (vor dem hintergrund mal eine empfehlung, nach der englischen übersetzung des textes von „regret of the times“ zu suchen – lohnt sich). und obwohl ich eines tages gerne mal wieder nach israel reisen würde, ist das angesichts der von der aktuellen netanjahu-regierung mitverursachten lage einfach nicht geboten und kritik an der siedlungspolitik sowie dem vorgehen in gaza mehr als angebracht.

da das meiste an populärer musik heuer durch komplette abwesenheit politischer positionierungen gekennzeichnet ist, um es sich mit potentiellen käufer*innenschichten nicht zu verscherzen, tat es mir mal richtig gut, eine band zu sehen, die ihre popularität nutzt, um eindeutig stellung zu beziehen. klar, das muss nicht allen gefallen – insbesondere mit israelkritik ist mensch hierzulande zurecht vorsichtiger. aber die missionierung ist mir in der form allemal lieber als ein konzert zu erleben, in dem inhaltliche leere durch einen nichtssagenden visuellen überbau zugekleistert wird. massive attack haben erkannt, dass dieser zustand in so vielerlei hinsicht (weltpolitisch, aber auch was den konsumerismus angeht) nicht mehr zu halten ist und stellen daher die richtigen fragen zur richtigen zeit. auch wenn es so scheint, dass sie sich das aus ihrer position heraus erlauben können, ist das nicht frei von risiken. durch die klaren positionierungen werden sie eine menge leute vor den kopf stoßen; durch ihre entscheidung, ihre künftige musik durch ein eigenes label ohne spotify zu vermarkten, einiges an sichtbarkeit (gerade bei jüngeren generationen) verlieren. all das jedoch in dem idealismus, dass diejenigen übrig bleiben, die musik und inhalte generell bewusster genießen.

so sehr ich den groll derjenigen verstehen kann, die angesichts der polykrisen einfach mal einen entspannten abend haben wollten und nicht bekamen: für mich war’s gerade aufgrund der politischen weiterbildung und auch der musikalischen qualität eines der konzerte des jahres. acts mit der form an rückgrat braucht es viel mehr.

artikel

rbb24: konzertkritik zu massive attack in der zitadelle spandau
morgenpost: massive attack in berlin. belehrendes spektakel
radio eins: massive attack spaltet das publikum mit hochpolitischer show

beats per minute: live review. massive attack at zitadelle spandau, berlin, 7 june 2026