eigentlich sollte an der stelle ein langer text zur einleitung stehen, der die entwicklung des clubs in den letzten zehn jahren aus meiner subjektiven perspektive schildert – sprich: mein ganz persönlicher allgemeiner gehaltene berghain-artikel. man kann ja nie genug davon haben.
wie das nun mal immer so ist mit der lieben zeit und dem fehlenden willen, sich bei dem anlass kurzfassen zu wollen – das gerüst steht im kopf, alleine zur ausformulierung kam ich nicht. also kommt das eben in die nachbetrachtung, die dann entsprechend anders betitelt sein wird.
bis dahin muss erstmal das genügen: hype, mythen, gerüchte, außen vor gelassen – chapeau und danke für das, was in den letzten zehn jahren erreicht worden ist. alles gute zum zehnten, und auf den bei besonderen anlässen nun auch räumlich etablierten elektroakustischen salon (sprich: den dritten floor) bin ich gespannt.
klubnacht – zehn jahre berghain
berghain
00h00 domenico crisci
04h00 shed live
05h00 blawan
08h30 and live
09h30 bas mooy
12h30 dj skull
15h30 steffi
19h00 dvs1
22h00 marcel fengler
02h00 marcel dettmann / ben klock
panorama bar
00h00 radio & fernseh
04h00 joy orbison
07h00 san soda
11h00 dske
14h00 joakim
16h30 skatebård
19h30 ben ufo
23h00 gerd janson
02h00 nd_baumecker
elektroakustischer salon
07h00 jenus
13h00 marsen jules live
15h00 wolfgang voigt live
16h30 ralf köster
20h30 maya
eintritt
15 euro
stammgäste, spielzeiten, schwarze wand, warteschlangen – gedanken zum zehnjährigen des berghains
prolog: warum noch ein berghain-essay?
es gab ja so einige feuilletonisten, journalisten oder belletristiker, die es in den vergangenen gut zehn jahren nicht lassen konnten, ihre eindrücke oder interpretationen des „mythos berghain“ zum besten zu geben. der allgemeine hype scheint (gelinde gesagt) davon profitiert zu haben, wenn man sich dinge wie die schlangen vor der tür oder bevorzugt spekulative einträge in diversen foren um nebensächlichkeiten (bspw. warum dieser oder jener resident anstatt vier nur drei stunden spielt) anschaut.
die attraktivitätskurve kennt für den club also seit zehn jahren nur die richtung gen himmel und scheinbar verläuft das mit dem hype genauso. ich nehme mich da selber nicht aus – schießlich sind auch hier einige zeilen voller ungläubigem staunen zu lesen, wenn an einem vergangenen sonntag auf einmal bislang gekannte grenzen gemeinschaftlich eingerissen wurden (ein sonntag anno 2006 mit carl craig, ricardo villalobos und rhythm & sound in der panorama bar dürfte einigen noch in erinnerung sein). insofern dachte ich mir, dass es ja nicht schaden kann, nicht nur die feierlichkeiten zum zehnjährigen, sondern gleich die letzten zehn jahre revue passieren zu lassen. wie das so im einzelnen aussah, kann der geduldige oder ausdauernde leser im archiv nachvollziehen. daher wird’s keine chronologie sämtlicher absolvierter berghain-besuche, die könnt ihr anhand der einzelnen einträge selbst nachvollziehen. vielmehr geht’s mir um die einordnung des berghains in meine biographie als musikliebhaber und partygänger, wie es (nicht nur für mich) soweit kommen konnte, dem laden einen festen monatlichen platz im terminkalender einräumen zu wollen und welchen einfluss er auf mich (und bis zu einem gewissen grad auch berlin überhaupt) ausgeübt hat.
wer nur etwas zu den feierlichkeiten zum zehnjährigen lesen möchte, scrollt runter bis punkt 4.
1. 2001-2004: zwischen leipziger und mühlenstraße
zeitsprung zurück in 2001 und dem club, der ja immer zum vergleich herangezogen wird. der tresor eignet sich aber deshalb so gut, weil es der einzige laden neben dem berghain ist, dessen zehnjähriges ich bislang miterlebt habe. war ein ziemlich intensives wochenende damals – parties von donnerstag bis samstag, sonntag gab es noch ein e-werk-revival.
die vielzitierte berlin-detroit-achse war zu der zeit in der leipziger straße längst erweitert worden: die headquarters emanzipierten sich und die wilden aus brighton hatten bereits ihre fußstapfen hinterlassen (passenderweise waren am samstag des geburtstagswochenendes beide welten vereint: suburban knight spielte live, eva cazal und cristian vogel danach bis zum schluss im ping pong). noch dazu hatte der e-werk-held woody mit seinem zwischen house, techno, electro und auch pop munter wechselndem stil mit dem stetigen funk im hintergrund einfluss darauf, was ich aus den plattenläden (größtenteils die gleichen konstanten wie heute: hardwax oder space hall) oder auf ebay so mitnahm.
parallel dazu tauchte 1999 ein club auf meinem radar auf, der auf seiner website recht unschein- und auch etwas unnahbar wirkte. als visuell orientierter mensch kannte man die räumlichkeiten des tresors als techno-affiner bereits, bevor man überhaupt einen fuß in den club gesetzt hatte. beim ostgut wirkte das alles irgendwie mysteriös. dessen besuch wurde mir schließlich von einem nutzer eines chats nahegelegt, den eine allgemein bekannte zigarettenfirma damals unterhielt. diese hatte chat-terminals in diversen clubs der republik aufgestellt. das ganze ließ sich zwar auch von daheim aus nutzen, aber an irgendeinem abend 1999 stand ich lustigerweise im globus an einem dieser terminals und bekam die empfehlung, doch mal das ostgut aufzusuchen.
es dauerte auch nicht lange, bis ich auf seinen rat hin anfang 2000 – und anschließend recht regelmäßig – hinging, da das interieur des clubs die nicht wirklich vielversprechende äußere verpackung locker überflügelte und mit cora s. und eva cazal zwei djs unter den residents waren, welche die vom tresor gewohnte härte dort fortführten. andre galluzzi war der allgemeine publikumsheld, marcel dettmann und fiedel gehörten ebenfalls zum stamm. den club zeichneten noch andere dinge aus: neben dem damals sehr präsenten gay-publikum (was dort insbesondere ins auge sprang, weil mit dem ostgut ein dezidiert schwul-lesbischer club für heteros geöffnet worden war) und dem im vergleich zum tresor nicht ganz so spartanischen licht schloss der club wohl nicht nur für mich eine lücke, die sich mit der e-werk-schließung anno 1997 ergeben hatte. klar war alles ein paar nummern größer als im tresor, aber die anlage versetzte den raum ordentlich in schwingung, das publikum war im schnitt älter und überhaupt ein ganz anderes als in der leipziger straße. viele männer mit durchtrainierten, nackten oberkörpern, diese pritschen an den seiten, dann die dunklen räume direkt neben der tanzfläche und als krönung die dauer der nächte, die sonntag mittag als minimum kannte – das war eine andere, auf ausdauer angelegte form von exzess, wie man sie seit dem e-werk nicht mehr hatte. im tresor war dies auf eine kürzere zeit begrenzt (das jäh im keller eingeschaltete putzlicht gehörte sonntag früh gegen 6h30/7h00 schon fast zum ritual), aber von der musikalischen und sowieso von der rauhen umgebung her extremer. zwar konnte man es sich gerne noch bis sonntag mittag im globus gutgehen lassen, wenn man denn wollte, aber für mich schlug das herz des ladens eben eine etage tiefer, so dass ich in den meisten fällen sonntag recht früh heimkam. anders als heute hatte man jedoch hin und wieder die chance, seine tresor-favoriten im ostgut erleben zu können, wo einige der headquarters spielen konnten (trias, dash und liquid sky u.a.).
mein clubleben spielte sich jedoch nicht nur in der leipziger und der mühlenstraße ab. es standen auch andere läden auf meiner agenda: das sternradio, später kam das polar tv hinzu (beides gehörte zu no ufos), das wmf entdeckte ich erst spät und dann auch erst in den letzten zügen (in der ziegelstraße, was ich im nachhinein echt bedauere), die schaltstufe13-parties im wedding waren auch jedes mal klasse. erste adresse blieb für mich dennoch der tresor: kaum war das line-up für einen monat online, wurde der persönliche pflichttermin ausgewählt und dann stand ich auf der matte (was zeigt, dass sich im vergleich zu damals quasi nichts für mich geändert hat). danach war das ostgut dran, jedoch erhielt meine zuneigung dazu mitte 2002 einen dämpfer, als wir kollektiv als mehrköpfige gruppe von sven marquardt abgewiesen wurden. dies passierte zwei mal, wodurch dann der stolz dazwischen kam, der mir sagte, erstmal nicht mehr hingehen zu wollen.
die o2-world (mittlerweile mercedes benz arena) warf jedoch ihre schatten voraus, so dass im januar 2003, kurz nach silvester, die letzte party im ostgut stattfand und da sprang ich gerne über meinen schatten. schon gegen 1 uhr stand eine menschentraube vor der tür, die aber nicht mal ansatzweise dem entsprach, was sich heute zu stoßzeiten vor den gittern am berghain tummelt. die residents spielten damals im rotationsprinzip, ich kam noch pünktlich zu cora, später war peaches noch als live-act dran. „disco rout“ von legowelt – das war die letzte platte in andre galluzzis erstem set dieses marathons und auch der letzte track, den ich im ostgut hörte – muss so gegen 11 uhr am sonntag vormittag gewesen sein. galluzzis letztes set fast 24 stunden später bekam ich nicht mehr mit, da ich erkältungsgeschwächt war und nicht gedacht hätte, dass die party so eine überlänge gibt. fühlte ich mich betrübt, dass damit ein fixpunkt für veritablen techno in tollem umfeld wegfiel? sicher, wobei andere das ostgut mehr als zweites wohnzimmer für sich begriffen hatten. für mich fiel mit dem ostgut „nur“ ein echt guter club weg und ich hoffte darauf, dass es alleine als alternative zum tresor einen nachfolger geben wird.
der hatte bei mir schon zu der zeit tiefe(re) spuren hinterlassen – alleine weil der dort propagierte und kultivierte stil bereits vor meiner clubbing-zeit offene türen bei mir einrannte und all diese verheißungen in diesem keller erfüllt wurden. mag aber auch die legende sein, die ihr übriges tat: es gab sicherlich mittelprächtige abende und auch wenige richtig schlechte, aber dennoch überwogen diejenigen, die für mich den omnipräsenten „true spirit“ in den gemäuern heraufbeschwörten oder nach der festschreibung meiner techno-dna in meinen anfangszeiten auch für musikalische wendepunkte sorgten (wie die no-future-party im februar 2004, als wieder einmal cora s. mit einer breakcore-breitseite dafür sorgte, dass ich begann, platten in dem stil zu kaufen). wie auch immer: die legende lebte für mich – aller improvisation in der leipziger straße 126a zum trotz. dazu trug auch sicher der anschluss an manche stammgäste sowie residents und auch das gefühl bei, den ersten tresor-gig (vor dem ich – mein umfeld kennt dieses geflügelte wort sicher – nervöser war als vor meiner mündlichen abi-prüfung) überstanden zu haben. beides entwickelte sich im laufe von 2004 und führte dazu, dass ich den tresor endgültig als clubheimat begriff.
2. 2005-2009: grundlagen des erfolges und zäsur in mehreren teilen
bereits im letzten quartal von 2004 hatte sich angedeutet, dass das ostgut seinen nachfolger bekommt und die gerüchteküche begann zu kochen. wie beim ostgut durchaus kalkuliert: es gab keinen monate im voraus kommunizierten eröffnungstermin und bei den bildern hielt man sich noch mehr zurück als bei der ostgut-website seinerzeit.
im herbst gab es dann zunächst die panorama bar für’s publikum. diese bekam ich für ein paar stunden zu einer „get perlonized“ nach einem besuch in der maria am ufer zu gesicht (fumiya tanaka hatte ich verpasst, zip spielte dafür bei tageslicht, da die jalousien damals noch nicht montiert waren). ebenerdiges dj-pult, guter sound, von der publikumsmischung her schien sich auch so gut wie nichts verändert zu haben, der club war schön verwinkelt. trotz der kürze des besuchs: die neugier auf den rest wurde durch all dies nicht kleiner.
lange gewartet habe ich damit nicht: nur bis silvester 2004/5. die erste begegnung mit dem berghain war jedoch die schlange, bzw. eine menschentraube vor der tür so gegen 5 uhr in der früh, die dem heutigen normalzustand an einem samstag entsprach. zweiter anlauf nach umweg über das gmt in der warschauer straße fünf stunden später – sah schon wesentlich besser aus. drinnen waren berghain und panorama bar geöffnet und ich war in erster linie erleichtert, dass dieser kühle, auf das wesentliche reduzierte stil aus dem ostgut auch beim berghain weiter gepflegt wurde: viel beton, unbehandelte wände, wenig dekoration, klares design bei den orten mit funktion (bar, toiletten, garderobe). beim zweiten blick und beim ohren aufsperren wurde klar, dass einige mittel in die hand genommen worden waren, um den laden an den start zu bringen und ihn auch halten zu wollen. ließ sich auch an der personellen kontinuität feststellen: nicht nur an der tür standen die gleichen leute wie im ostgut, sondern auch hinter dem dj-pult. marcel dettmann und fiedel spielten unten (wo sich lichttechnisch zu dem zeitpunkt nicht viel tat), i-f oben. als wir den club nachmittags um 16 uhr verließen, hatte ich nicht den eindruck, als ob hier bald schluss sein könnte und wollte mir ein zweites bild verschaffen, indem ich mir den normalen clubbetrieb anschauen wollte.
also ging ich am folgenden wochenende direkt wieder hin. marcel fengler, joel mull, portable und pete – das müsste die reihenfolge des abends für das berghain gewesen sein. da war beim licht schon ein wenig mehr geboten und musikalisch war es so überzeugend genug, dass ich mir vornahm, einmal monatlich hingehen zu wollen, wenn es denn ein geeignetes programm gibt.
kurz nach diesen ersten berghain-besuchen kam die nachricht, dass man die restlichen tage des tresors von nun an beinahe rückwärts zählen könnte – drei monate blieben noch bis zum april 2005. am ende wollte es der tresor richtig wissen und zog an 14 tagen ein abschiedsprogramm durch (für 14 jahre quasi). konsequenz: die abschlussparty des tresors ist seitdem die einzige, die bei mir den status „läuft außer konkurrenz“ trägt – deren ablauf lässt sich detailliert auch auf diesen seiten nachlesen.
in diesen wenigen wochen / monaten hatte sich das berghain als ort erwiesen, der zum füllen dieser lücke (bis ein neuer tresor öffnen würde) mehr als geeignet ist, obwohl es dort das eine oder andere booking gab, was damals im umfeld von kompakt hoch im kurs stand und demzufolge labels wie areal oder sub static unten die headliner stellten, während minimal oben in der panorama bar bis auf ausnahmen tonangebend war. es gab aber weiterhin die kontinuität bei den residents und (für mich ein dicker pluspunkt) den hardwax-einfluss, weshalb bspw. monolake oder sleeparchive recht schnell dort spielten. einzig die tresor-djs, die noch im ostgut gespielt hatten, blieben außen vor. manche von ihnen kamen durch die hintertür: tama sumo war zuvor häufig im globus zu hören und auch einen gewissen ben e. clock (dessen erste gigs man eher im zusammenhang mit dem cookies erwähnt) hörte ich im globus zum ersten mal.
sie spielten in den ersten monaten im berghain bzw. der panorama bar, und trotz des dezidiert als techno-floor deklarierten berghains war der stil eher vom epischen techhouse mit gutem techno-einschlag geprägt. dies spiegelt auch ganz gut das geschehen wider, das der markt an neuerscheinungen zu dieser zeit für mich zu bieten hatte. klar kümmerte ich mich um einen gewissen techno-grundstock, aber die besuche bei diversen clash of the titans und im possible music in neukölln (regelmäßig die zweite anlaufstelle nach dem hardwax, weil beides eh recht nah beieinander lag) ließen breakcore in der zeit für mich interessanter erscheinen, zumal der stil eines michael forshaw oder cannibal cooking club so zahlreiche nachahmer produzierte, dass das schema auch in dieser „wonky-techno“ genannten variante für mich durchgekaut war und es daher in puncto techno bis auf wenige ausnahmen uninteressant zu werden drohte.
dennoch: den monatlichen berghain-termin ließ ich mir schon zu dem zeitpunkt nicht mehr nehmen. der tresor zeigte zwar mit bekannten gesichtern exil-präsenz in der maria und im so36, aber bereits zum jahreswechsel 2005/6 hatte ich mich schon sehr an den standard gewöhnt, den der laden am damals noch recht unerschlossenen wriezener karree ohne metro, ohne hellweg, dafür mit aldi in den plattenbauten auf dem weg zur bushaltestelle hinter dem „neuen deutschland“ bot: die funktion one im berghain ließ auch house- oder minimal-platten ziemlich technoid wirken, was dazu führte, dass techno-tracks alter schule eine noch höhere energie entfachten. die türpolitik und die gays sorgten für eine entspannte „alles kann, nichts muss“-stimmung im club, so manche tresor-exilanten gingen einfach mit und obwohl das berghain zwar nicht alle stammgäste aus dem ostgut mit herübergenommen hatte, waren schon in den anfangsmonaten immer gewisse gesichter zu sehen.
ich kann im nachhinein gar nicht mal mehr sagen, wann die presse oder die reiseführer das berghain für sich entdeckten und am „mythos“ zu stricken begannen, das mag sogar schon 2005 gewesen sein. bereits ein jahr darauf zeigte sich jedoch, dass mit dem ende einer party gegen sonntagmittag/-nachmittag lange nicht das ende der fahnenstange erreicht ist. es wirkte jedoch nicht wie ein masterplan, sondern es passierte irgendwie einfach, dass sowohl die musik als auch die mischung an leuten eine stimmung entstehen ließen, weshalb die leute sowohl im berghain als auch in der panorama bar einfach blieben und gerade die schluss-sets unten eine eigendynamik entwickelten. diese wurden für mehr und mehr leute zur hauptattraktion und daher immer länger – je nachdem, wer dran war, daran hat sich auch zum zehnjährigen nichts geändert. es änderten sich jedoch recht schnell die zuordnungen: ein noch im ostgut umjubelter andre galluzzi spielte zwar regelmäßig unten, entwickelte sich stilistisch jedoch in die minimal-richtung, so dass er konsequenterweise eher in der panorama bar zu finden war. fiedel gewann zunehmend an technischer sicherheit, marcel dettmann entwickelte eine zunehmend klare musikalische identität und einen entsprechend packenderen aufbau, wo er im ostgut eher noch auf der suche wirkte. ben klock zeichnete sich schon damals durch sein mixing aus, das hypnotische tracks begünstigte. und pete – war (ist, bleibt…) eben pete.
ende 2006 dann „e2-e4“ und damit einer der ersten konzert- anstatt clubabende, an dem an die vorläufer von techno erinnert wurde. das konnte auch dem normalen clubgänger verständlich gemacht werden. die nächste stufe folgte kurz darauf mit dem staatsballett berlin: „shut up and dance“ vereinte im sommer 2007 einen von techno-produzenten geschaffenen soundtrack mit einer tanzperformance – der schulterschluss zwischen sub- und hochkultur wurde erneut geprobt.
apropos sommer 2007 – da war ja was: der neue tresor war offen und ich noch euphorisch, dass meine erste adresse wieder ein neues zuhause hatte. die hielt auch eine geraume zeit an – trotz schwächen wie der alten anlage im keller, der sporadischen präsenz eines haustechnikers, und vor allem der ungewohnten größe, die zu einigen anfängerfehlern führte, die man erstens vom tresor nicht erwartet hätte und zweitens auch heute noch nachwirken, obwohl sich eine menge deutlich zum besseren entwickelt hat. sie seien hier nur auf die (zugegeben sehr vereinfachte) formel „schnelle rendite, ohne bei der wahl seiner fremdveranstalter und des publikums besonders wählerisch zu sein“ gebracht. hinzu kamen neben der weitestgehenden untätigkeit bei der verbesserung des technischen standards noch meine persönliche enttäuschung in puncto headquarters anno 2008. die entscheidung für meinen tresor-boykott war da nicht mehr fern und neben den immer noch stattfindenden schaltstufe13-parties war eben das berghain schon mitte 2008 zu dem club avanciert, der alleine von den technischen standards her überlegen war.
dieser technische standard hat jedoch die nächste stufe meiner persönlichen (weiter)entwicklung zumindest mit begünstigt: nach anfänglich deutlicher skepsis war dubstep in der ersten jahreshälfte dank guter anlagen und ebenso guten sets ein stil, der für mich an techno sehr anschlussfähig war und dadurch für mich interessant wurde, auch weil nach der zum gähnen langweiligen minimal-ära endlich wieder einmal mörderische bässe zu hören waren. zu erwähnen sind hierbei dreierlei begebenheiten: die erste von modeselektor kuratierte „allianz“ im tape club, bei der pinch und 2562 im ping pong spielten, das scuba-set auf meiner ersten fusion und (damit sind wir wieder beim thema) die ersten sub:stance-nächte im berghain. rückblickend war es wohl einer der bedeutendsten und für meine begriffe richtigsten schritte, zu denen sich der club (u.a. nach hardwax-schützenhilfe) zeitgleich zur aufstockung der funktion one um einen subwoofer pro boxenturm sowie hoch- und mitteltönern an vorder- und rückseite der tanzfläche entschieden hatte: den laden an einem freitag zu öffnen. besuchertechnisch ist der meistens um einiges schwieriger als der samstag und dann versuchte man’s auch noch mit einem noch nicht in berlin sonderlich etablierten stil. das erforderte courage, die sich gleich am ersten abend auszahlte und mit der leisure system schnell einen zweiten stützpfeiler bekam.
samstags hatten sich beim publikum schon präferenzen bezüglich der residents entwickelt, die jeder für sich (mal mehr, mal weniger in nuancen voneinander zu unterscheiden) ihre eigene handschrift entwickelten und auch eigene labels mit eigenen produktionen begründeten. deren tracks und auch die sets bei den klubnächten wurden im großen und ganzen wieder rauher: waren die ersten veröffentlichungen auf ostgut ton wie die ersten jahre im club noch melodischer, traten massivere, raumfüllende basswände daneben. marcel dettmann und ben klock wurden von der groove (die seitdem ja nicht müde wird, das berghain wenigstens einmal im heft irgendwo zu erwähnen) zu den posterboys des berghains ausgerufen und prägten mit ihren sets, ihren labels und ihren produktionen einen auf das wesentliche reduzierten, dennoch treibenden und insbesondere bei ben klock hypnotischen stil, der das publikum noch länger bei laune halten konnte. auch wenn mir ben damals wie heute meistens zu trocken und nur vereinzelt tracks spielt, die mich wirklich mitreißen, traf er mit dem scheinbar endlos laufenden loop mit geringen variationen bei hohem tempo den nerv des publikums, das ihm gerne mal zehn stunden folgt. und damit ist er als resident nicht alleine, wenn man sich bspw. auch boris anschaut.
3. 2009-2014: zementierung des hausgemachten erfolges und eigener vorlieben
wenn ich schon die residents erwähne: die sind im nachhinein definitiv einer der schlüssel für den eh schon imposanten aufstieg des clubs, der sie durch ostgut ton noch fester an den club band und ihnen bei den sets zum ende keine grenzen setzte. damit nahm das treiben nochmal so richtig an fahrt auf: waren sonntage im jahre 2008 noch gegen 15 uhr unten zu ende, waren es im jahr darauf bereits gut zwei stunden später. produzenten begannen, auf den raum zugeschnittene tracks zu produzieren, die residents nahmen das dankend auf, spielten die tracks, die produzenten wurden gebucht, manche davon gehören mittlerweile selber zum festen stamm (dvs1, function). so schön die positiven folgen der zeitlichen expansion (techno bis sonntag abend nimmt man schon gerne mit) auch waren und der allgemeinzustand des publikums ab sonntagnachmittag eine atmosphäre entstehen ließ, die viele (inklusive meine wenigkeit) manches mal länger blieben ließ als geplant, hatte dieser aufwärtstrend nicht nur seine positiven seiten: es war aufgrund der gestiegenen anzahl an namen im line-up und der zunehmenden länge der schlange nun empfehlenswert, einen besuch im berghain vorab zu planen. damit war ich nicht der einzige: wenn die publikumslieblinge mit den meisten anhängern zum schluss spielten, war meistens vorprogrammiert, dass an der grenze zum montag gekratzt wird. ein neues maß an ungläubigkeit also, das wieder eine spirale in gang setzte, an deren ende bei vielen der anspruch stand, dies so schnell wie möglich wieder erleben zu wollen – am besten vor ort, mit genau dem sound, mit genau den leuten, bei genau diesem licht.
es entstand also eine allgemeine erwartungshaltung. spätestens 2010 (wenn nicht sogar früher) wurde das berghain synonym mit „techno in berlin“ genannt und hatte nicht nur die reputation, sondern auch die portokasse, sich die wunsch-line-ups zusammenbuchen zu können. daran hat sich bis heute nichts geändert, jedoch nahm im schnitt die bereitschaft zum herumexperimentieren an einem samstag/sonntag ab. viele gäste und residents spielten lieber auf nummer sicher, anstatt große experimente eingehen zu wollen – schließlich möchte niemand sich der kritik aussetzen, das berghain zur hälfte oder gleich so gut wie ganz leergespielt zu haben.
es war für mich die phase, in der ich weitere favoriten neben den eh schon vorhandenen definierte und entschied, dem publikum seinen spaß bei den anderen lieblingen zu lassen. dazu gehört(e) auch, manchem freitag einen höheren stellenwert als dem samstag/sonntag einräumen zu wollen. leider entwickelte sich auch die sub:stance in eine recht stereotype richtung, die sich an den samstag annäherte, so dass die richtigen experimente für mich eher im rahmen des elektroakustischen salons (weniger tanzbar) oder doch zuverlässig bei der leisure system (sehr tanzbar) stattfanden. die sonntage entwickelten sich (wahrscheinlich parallel zum allgemeinen kenntnisstand) für mich zu einer art von vorlesungen im hauptstudium: dort hat man alles irgendwie schon mal gehört, aber zwischendurch bekommt man doch neue fakten serviert oder wird nochmal auf ältere details aufmerksam gemacht, die ich zuvor überhört hatte.
es ist leicht, dabei auf das in der techno-szene mittlerweile gern bemühte „früher war alles besser“ zu verfallen. lieber erkenne ich an, dass die naive anfangszeit von techno, in der es nicht zu brachial oder irgendwann auch mal zu schnell sein konnte, schon seit spätestens ende der 1990er-jahre vorbei ist. dafür kann man jeden einst avantgardistischen stil nehmen, der es irgendwann mal in den mainstream geschafft hat – es liegt nun mal in der natur der dinge. ergo waren und sind die jahre nach 2009 durch eine vertiefung der kenntnisse in techno als meiner selbstgewählten paradedisziplin geprägt – vermeintliche stagnation hin oder her, die ich ab dieser zeit auch bei breakcore empfand. daher trat dubstep bei meinen einkäufen an dessen stelle, bis auch dort gewisse formeln etabliert waren, die auf der einen seite klare präferenzen entstehen ließen, auf der anderen aber auch dazu führten, technisch bestimmt gut produzierte tracks außen vor zu lassen, da mir das alles irgendwie bekannt und gerne auch mal zu sauber vorkam. im allgemeinen sind daher die gänsehautmomente beim anhören von neuigkeiten seltener, dennoch erfreue ich mich immer noch an neuen tracks, die sich der alten formel verschreiben. produktionstechnisch spielen diese auf einem höheren niveau als das, was mir in der leipziger straße in die wiege gelegt worden war.
auch wenn dies eine gewisse stagnation ist, in der das ewig gleiche in für mich manchmal nicht mehr wahrnehmbaren nuancen verfeinert wird, ließ und lässt sich das damit umschiffen, indem ich geschmacklich versuch(t)e, noch weiter in die breite zu gehen. der schwenk zum digitalen auflegen anno 2009, der als weitere zäsur mehr oder minder mit meiner sturm-und-drang-zeit bei dubstep zusammenfällt, tat hierbei sein übriges. auch im dubstep wurde die stagnation spätestens 2013 offensichtlich, als die sub:stance-initiatoren sich entschieden, die reihe zu beenden, ehe redundant zu werden. der flirt zwischen techno und dubstep fand zu der zeit jedoch schon nicht mehr sporadisch statt und ist schwer mit daran beteiligt, dass meine heimliche liebe zu breakbeats immer wieder auf’s neue entflammt und die dinge im elektronischen bereich immer noch interessant bleiben.
insofern spiegelt mein einkaufs-, auflege- und ausgehverhalten für mich auch ganz gut wider, was vom fünfjährigen bis zum zehnjährigen geburtstag im berghain vor sich ging: techno stagnierte zu den klubnächten auf eigentlich hohem niveau, fand jedoch dabei so viele anhänger, so dass das drehbuch der sonntagsdramaturgie wie von selbst immer länger wurde. wem das als (selbsternannter) spezialist zu wenig war, konnte an manchen freitagen schon eher fündig werden – eine klare aufgabenverteilung also: die klubnächte bedienen einen gemeinsamen nenner, die freitage ziehen das liebhaberpublikum an. das war an sich auch in ordnung, aber ich fand es schon schade, dass es vom musikalisch offener ausgerichteten freitag wenig bis gar keine rückkoppelungen auf die klubnächte gab. als ausnahme fällt mir ein gastspiel von livity sound im oktober 2014 ein, für die techno damals nachmittags eine option unter vielen war. dementsprechend umstritten waren die sets danach auch.
4. 2014: neue weichenstellungen zum zehnjährigen
um endlich mal zu den jubiläumsfeierlichkeiten zu kommen: man kann natürlich zu solchen anlässen ausschließlich den blick zurück oder nur auf die gegenwart werfen und damit signalisieren, dass man mit dem aktuellen status schon zufrieden ist. wäre beim berghain nicht verwunderlich: wie beim tresor arbeitet der name dem club seit jahren in die hände. die frage ist jedoch, wie lange das so bleibt, wenn man stagniert.
alleine wegen des zu erwartenden füllgrades war es also nur konsequent, nun auch die halle hinter dem berghain zu solchen anlässen zu öffnen, da diese in absehbarer zeit wohl nicht zum konzertraum umgebaut wird (man erinnert sich: eine geraume zeit war der „kubus“ im gespräch, wurde dann aber aufgrund der ablehnung finanzieller mittel des senats nicht in die tat umgesetzt). dabei ist die verlockung groß, einfach nur einen weiteren floor zu öffnen, auf dem techno gespielt wird, so dass die halle mit dem eigentlichen berghain in konkurrenz tritt. stattdessen setzten sie jedoch ein signal in eine richtung, in die sie mit dem staatsballett, diversen yellow lounges und dem letztendlich namensgebenden elektroakustischen salon bereits gegangen waren: einen rückzugsraum zu schaffen, in dem man sich schon auf die musik, aber auch gerne auf sich selbst oder auf seine mitmenschen konzentrieren kann. sich zu unterhalten fiel dort jedenfalls wesentlich leichter als anderorten und noch dazu wurde mit einem schlag ein total offenes musikalisches spektrum hinzugefügt, so dass die musikliebhaber wieder auf ihre kosten kamen. alleine das gesamte live-set von wolfgang voigt an diesem abend sorgte bei mir für den einen oder anderen wohligen schauer, bediente er sich hin und wieder bei der zeitlosen gas-ästhetik. bei jenus ist mir eine menge unbekannter industrial in erinnerung (raime, nurse with wound), maya konnte aus dem vollen register ihrer erfahrungen von chillout-sets auf uk-raves schöpfen und durfte dafür gleich mal länger spielen als eigentlich gedacht. die umgebung stimmte – mit einer ausnahme: es war zu kühl. sonst waren die eindrucksvollen säulen gut mit projektionen in szene gesetzt und die sitzgelegenheiten dominierten. tanzen wurde als option offen gelassen, aber das war nicht erklärtes hauptaugenmerk. ich habe jedenfalls gerne viele stunden dort zugebracht.
wer an dem abend sorgen hatte, dass die stimmung in berghain oder panorama bar aufgrund eines vermeintlichen abwanderns des publikums in die halle schaden nimmt, sah sich schnell beruhigt: nichts dergleichen passierte. stattdessen konnte man das für mich bisher beste live-set von shed hören, der sich aus seinem gesamten katalog der verschiedenen pseudonyme bediente. blawan tat das, was er immer macht: beherzt brettern, ohne dabei zu brachial zu werden. dj skull gebührt das verdienst, so gespielt zu haben, wie ich es mir eigentlich von mike dearborn wenige wochen zuvor noch erhofft hatte – da waren einige sachen aus den 1990ern dabei (robert armanis „airborne“ oder die gute alte „southside“ von dave clarke bspw.) und er hatte diebischen spaß. ebenso wie steffi, die ihre sets im berghain gerne zum anlass nimmt, alles von der leine zu lassen. bei skatebård rotierte oben die discokugel, ben ufo konnte mich nicht so wirklich packen (war zu dem zeitpunkt aber auch packevoll in der panorama bar), gleiches gilt für meinen beginn des abends unten mit domenici crisci.
es gab für mich also schon schwachpunkte, aber es überwiegt eindeutig die tatsache, dass all die dinge, die zum erfolg des clubs in den letzten zehn jahren beigetragen haben, an diesem abend zusammentrafen. so kam der stamm-klubnacht-gänger auch mal in den genuss, ambient zu hören und war ggf. doch wieder schnell zurück an gewohnter stelle vor dem funktion-one-boxenturm. für mich war’s jedenfalls das richtige signal: zu zeigen, dass man als club viel mehr ist oder will als repetitive hypnose bei 4/4-kickdrum. war wieder einmal einer dieser ungeplant längeren besuche: 20 stunden, die wirklich ganz schön zügig vorübergingen.
5. früher war die zukunft noch besser?
da die ausgerechnet im selbstverständnis progressive techno-szene sehr konservativ zu sein scheint, was die verklärung des „früher“ angeht: war denn im berghain, um das berghain und um das berghain herum vor zehn jahren wirklich alles gold? viele mögen so argumentieren: weniger gays, mehr touristen, mehr zaungäste, mehr smartphone-nutzer, die vor lauter kommunikation das feiern vergessen. dazu noch die entwicklung der unmittelbaren umgebung: eine vorher von plattenbauten oder industrieruinen gesäumte brache, in der man das berghain zu beginn fast suchen musste, ist mittlerweile erschlossen. sobald der park östlich vom berghain fertig ist, kann man quasi von einer abgeschlossenen stadtteilentwicklung sprechen. in bezug auf friedrichshain-kreuzberg ist das ganze auch zu beobachten, wenn man zwei male hinschaut. zwar gibt es hier mehrere noch unrenovierte altbauten, aber auch diskussionen um baulücken wie das freudenberg-areal, neubauten oder sanierungen mit mietpreisen von 12 euro pro quadratmeter aufwärts. nicht zu vergessen: die zukunft des raw-geländes und empfundene lottogewinne, bei neuvermietungen noch etwas unter 10 euro pro quadratmeter zu bekommen. all das macht deutlich, dass hier eine entwicklung im gang ist, die eine mittelständische bevölkerung oder die subkultur scheinbar nicht mehr aufhalten kann.
das berghain wird zwar bei einigen die entscheidung beeinflusst haben, sich eine wohnung im umkreis von 3 km suchen zu wollen. damit hat friedrichshain einen noch hipperen anstrich bekommen, der erstens sehr gefragt ist und sich damit zweitens gut vermarkten lässt. in puncto „bestandssicherung“ ist das berghain jedoch fein raus: die rücklagen der erfolge in den ersten jahren sowie der aktuelle umsatz reichen aus, so dass der gesamte komplex gekauft werden konnte. damit lässt sich ganz gut erkennen, dass man auch als stützpfeiler von alternativer kultur durchaus nach den regeln des immobilienmarktes spielen kann. und vor allem hat man einen ganz guten ansatzpunkt, sich diesem „mythos“ irgendwie zu nähern: von anfang an hatte man von betreiberseite aus einen mietvertrag auf mindestens fünf jahre abschließen wollen und den club damit auf langfristigkeit ausgelegt. klar kann man eine entwicklung erstmal auf durchschnittlichem niveau beginnen, aber um ein publikum dauerhaft bei laune zu halten, bedurfte es auch schon 2005 einiger alleinstellungsmerkmale, um einen „da muss ich wieder hin!“-reflex auszulösen: da wäre zum einen die laissez-faire-haltung, die einem mit wenigen regeln das maximale maß an persönlicher selbstentfaltung oder freizügigkeit bietet. kennt man als fakt sicherlich aus feuilletons und literatur und ist gerade für den schwulen teil des publikums ein nicht zu unterschätzender stellenwert, der im berghain (wie auch im ostgut) einen der vorder(st)en ränge einnahm. klar sprach dies sich schnell herum.
dann gibt es noch den vielzitierten technischen standard: keine ahnung, ob funktion one dem berghain mittlerweile sowas wie provision zahlt, aber wenn man einen ursprung für den fetischismus für deren anlagen finden möchte, sollte man hier anfangen. das treibt mitunter die blüten, dass parties mittlerweile auch mit f1-pa (quasi als bestandteil des line-ups) beworben werden. ist aber auch nicht das einzige: auch den augen entgeht auf lange sicht bestimmt nicht, dass sich am licht über die jahre hinweg auch eine menge getan hat.
technisch brillanter standard in allen ehren – er hilft aber nichts, wenn inhaltlich gähnende leere und eine allgemein unangenehme atmosphäre im club herrscht. wenn ich also versuchen sollte, den erfolg – oder den „mythos“ – zu erklären, ist das technische niveau zwar in der gleichung mit dabei, aber auflösen kann man sie erst, wenn man die details des großen ganzen über die jahre verfolgt. die entscheidungen tragen die handschrift langfristiger denkweise: das fängt ganz offensichtlich an der tür (darunter begreife ich türsteher, den vorraum sowie die kasse) an, wo zwar im laufe der jahre leute gingen und neue hinzukamen, aber im großen und ganzen herrscht dort kontinuität. und das setzt sich drinnen noch weiter fort: garderobe, bar, und (so richtig offensichtlich) die residents sowie regelmäßig wiederkehrende gäste, die ich bei jedem meiner besuche dort sehe. auch wenn das gebäude durch seine größe und auch die front sowie für einige auch die tür etwas imposantes oder zuweilen auch bedrohliches ausstrahlt, liegt dem club unwahrscheinlich viel daran, dass die gäste sich auch wohlfühlen sollen (deswegen kommen wahrscheinlich auch so viele wieder). mehr noch: sie sehen die gunst des publikums nicht als selbstverständlichkeit an, sondern vielmehr als etwas, das neu erworben werden muss. entweder beschreitet man dabei den sicheren weg oder man wagt einen schritt heraus aus der komfortzone. dinge wie die nutzung der halle als elektroakustischem salon werden dabei etwa nicht so behandelt, als ob es schon von selbst laufen wird, weil es ja schließlich das berghain ist und die leute eh alles fressen, was man ihnen vorwirft. stattdessen ist sowas eher eine herzensangelegenheit, bei der gehofft wird, dass es überhaupt wem gefällt. war auch bei der sub:stance nicht anders.
dies soll nur exemplarisch dafür stehen, dass die zehn jahre am wriezener karree keinem masterplan folgten. geht in allem, was den künstlerischen bereich betrifft, auch garnicht, da man den geschmack der leute von morgen nicht vorhersagen kann. klar gingen (und gehen) sie zu den klubnächten gerne auf nummer sicher: gerade in den anfangstagen folgten sie eher dem puls der zeit, der damals melodischer war als heute. ein großer hit der anfangstage war bspw. „rej“ von âme, der häufig unten zu hören und mit ausschlaggebend war, die bande zu innervisions enger zu knüpfen. welche blüten das mittlerweile getrieben hat, ist bekannt.
gedreht hat sich dies meinem eindruck nach ab 2009, wonach der berghain-typische sound mit reduzierten melodien, stattdessen mit mehr rauschen und nur im hintergrund wahrnehmbaren flächen zu einem markenzeichen wurde. das fand mittlerweile so einige nachahmer und führte zu seiner eigenen „big room“-kategorie bei den hardwax-kurzbeschreibungen (und so einigen platten, die so klingen, als seien sie bei ford vom band gelaufen). an der wieder auflebenden techno-euphorie dürfte das berghain schon seinen anteil haben – nicht zuletzt deswegen, weil die veröffentlichungen ab 2009 wieder rauher wurden und über die funktion one entsprechend massiv klangen. zeitgleich sah das berghain jedoch immer zu, mit den nächten außerhalb des samstags zu signalisieren, dass ihr interesse breiter gefächert und nicht nur alleine auf techno in seinen hunderten von spielarten begrenzt ist – eine gute voraussetzung, um auch vom feuilleton ernstgenommen zu werden.
dann hat das berghain doch so gut wie alles erreicht, kann man meinen. ein club, der stellvertretend für berlin so eine internationale strahlkraft entwickelt hat, dass leute in amsterdam oder london mit leuchtenden augen erzählen, was für eine tolle zeit sie im berghain hatten, sobald man ihnen erzählt, dass man aus berlin kommt. es scheint also auch international so etwas wie eine inoffizielle messlatte zu sein, an der man sich als clubbetreiber orientiert. die berliner selbst sind da gewohntermaßen nicht so euphorisch, belächeln manchmal die schlange vor dem club am sonntagnachmittag und trauern insgeheim den zeiten nach, in denen sie um 7 uhr in der früh für sechs, sieben stunden einfach hingehen konnten.
fest steht, dass es durch den immer noch andauernden hype der letzten jahre nicht einfacher geworden ist: nicht für die gäste, die sich trotz anstieg der öffnungszeiten von 14 auf mittlerweile fast 36 stunden strategien zurechtlegen müssen, wann man sich am kürzesten die beine in den bauch steht. erst recht aber nicht für das personal: die verantwortung der tür ist immens (die man für den einen oder anderen unschönen vorfall mit ghb oder übergrifflichkeiten als letztes verantwortlich machen sollte), zugleich für das booking, das nicht nur nach den regeln spielen (lassen), sondern auch experimente wagen möchte. und da dinge wie bar oder garderobe immer so gerne am rande behandelt werden: dies ist mit der anspruchsvollste job, der die höchste konzentration und laufbereitschaft erfordert und gerade im berghain mit den vielen internationalen und nicht immer ganz nüchternen gästen manchmal eher eine geduldsprobe ist.
ich mache keinen hehl daraus, dass mir schon hin und wieder nach einem monat wäre, der allen die früheren zeiten zurück ins gedächtnis ruft: öffnung von mitternacht bis mittag/nachmittag, reingelassen wird nur bis zum letzten dj (also bis 7/8 uhr), bis dahin muss eben jeder seinen spaß gehabt haben. es verkennen einfach viel zu viele, dass die verlagerung der schlusszeiten nach hinten eine absolut organische entwicklung über jahre hinweg und keinesfalls selbstverständlich war. die dadurch bei manchen geweckte erwartungshaltung ist daher schon sehr befremdlich und wahrscheinlich der tatsache geschuldet, dass deren clubsozialisation im berghain ab 2010 begonnen hat. befremdlich ist auch, dass ein clubbesuch für so viele das abtauchen links in der auch als „schwarze wand“ berühmt-berüchtigt gewordenen quasselecke neben der garderobe bedeutet. für mich persönlich ist es schwer nachvollziehbar, warum sich weite teile des publikums mit wenig musikalischen variationen zufriedengeben können, wohingegen es bei offener experimentierfreude mit der nase rümpft – aber das ist die sicht des musiksammlers, die verkennt, dass wenigstens zwei drittel der leute einfach nur spaß ohne tiefergehende analysen haben wollen. dennoch: leute wie marcel dettmann schaffen hierbei einen sehr guten mittelweg, indem sie einerseits nach dem gusto der leute spielen, dabei jedoch auch historische sowie futuristische dinge einfließen lassen, so dass die meute ihnen folgt. das ist aber auch einer gewissen hörigkeit des publikums geschuldet, die sich auf einzelne namen fixiert und dabei verkennt, dass andere (gast-djs sowie residents) dies genauso gut erledigen könnten.
was sind denn also für wünsche offen?
1. mehr dezidierte gay-parties, um sich dankbar zu zeigen, worauf die popularität des clubs so basiert und damit wieder etwas mehr ausgelassenheit zu früher sonntagsstunde herrscht. dahinter steckt der gedanke, dass das schwule publikum das berghain wieder vermehrt für sich entdeckt und sich sonntag früh auf den weg macht, damit den touristen gezeigt wird, dass jetzt genug gegafft worden ist.
2. schon teilweise in erfüllung gegangen: die experimentierfreudigkeit des freitags auf den samstag überschwappen zu lassen. damit soll jedermann ein deutliches signal bekommen, dass man sich im elektronischen bereich lieber aus mehreren töpfen bedienen möchte anstatt nur aus einigen wenigen. ich erhoffe mir damit, dass damit auf lange sicht auch beim publikum wieder etwas die scheuklappen abgenommen werden, bin aber angesichts der monate seit dem zehnjährigen guter dinge.
3. mit dem vorherigen einhergehend: die halle zu den klubnächten häufiger zu öffnen als drei, vier male pro jahr. alternativ schon seit ewigkeiten auf meiner wunschliste, wahrscheinlich schwerer zu realisieren, dennoch komplementär zu wunsch numero 1: öfter mal samstags die panorama bar geschlossen lassen und stattdessen das lab.oratory öffnen. dann hätte man die gays auch so wieder an bord.
summa summarum kann man alleine objektiv am wachstum schon festhalten, dass im berghain seit 2004 einiges richtig lief. aller kritik über stereotypes publikum und / oder musik zum trotz: es gibt wirklich keinen einzigen besuch, den ich bereut hätte. musikalisch ließ sich immer irgendwo irgendwas damit anfangen, auch bei den experimenten des elektroakustischen salons unter der woche. letztendlich obliegt es ja einem selber, etwas aus dem besuch zu machen – der club (sei es der tresor, das blank oder eben das berghain) gibt dafür nur den rahmen vor. und der hat in den meisten fällen von der atmosphäre her so gestimmt, dass ich mir bspw. an manchen dunkleren sonntagnachmittagen/-abenden/-nächten keinen besseren platz vorstellen konnte, an dem ich momentan sein wollte.
wenn dem tresor aus autobiographischer sicht das verdienst gebührt, die grundlagen für meine stilistischen und ästhetischen präferenzen gelegt zu haben (und ein glück befindet sich auch der tresor wieder auf dem richtigen weg), steht das berghain für deren verfeinerung, für die etablierung neuer standards, die dazu führten, dass in berlin und allgemein in deutschen clubs wieder mehr auf gute anlagen und auch eine eigene identität mit dazugehöriger türpolitik geachtet wird. nicht zuletzt waren diverse klubnächte auch am ausbau meiner kondition nicht ganz unbeteiligt.
ich kann und will mir das berghain jedenfalls als säule des club- aber auch des kulturellen lebens nicht mehr wegdenken. beim tresor in der leipziger straße war dies ähnlich, bis das damoklesschwert der schließung nach jahren der hoffnung dann doch darniedersauste und ich am montag der schließung wie um einen freund trauerte, indem ich die eine oder andere träne vergoss.
die wären auch sicherlich dabei, wenn es das berghain irgendwann mal erwischt. ich sehe absolut keinen anlass, warum ich den club vom monatlichen terminkalender, geschweige denn vom ersten platz meiner lieblingsclubs streichen sollte und bin gespannt, was die nächsten zehn jahre an entwicklung bringen.