[berlin / 03./04.02.2023] philharmonie berlin: strom – festival für elektronische musik

nach der ersten, für meine begriffe sehr geglückten ausgabe freut es mich immens, dass es (wegen der allgemeinen pause im bereich der e- und u-musik) drei jahre danach eine neuauflage gibt. bin an beiden tagen da.

strom – festival für elektronische musik

freitag, 03. februar 2023
20:00 – 21:30 stefan goldmann foyer
21:45 – 22:45 hauschka + kai angermann (live) großer saal
22:45 – 0:00 nídia foyer
0:15 – 1:15 wolfgang voigt präsentiert gas (live / av) großer saal
1:15 – 3:00 marcel dettmann foyer

samstag, 04. februar 2023
20:00 – 21:30 upsammy foyer
21:45 – 22:30 transformed acoustix: mitglieder der berliner philharmoniker + simon stockhausen (live) großer saal
22:30 – 23:30 blawan (live / av) foyer
23:45 – 0:50 robert henke präsentiert cbm 8032 av (live / av) großer saal
0:50 – 3:00 juan atkins foyer

beide tage
the trembling line von aura satz (installation) hermann-wolff-saal

visuals
pfa studios foyer

nachbetrachtung

weil der text mal wieder länger ist, gibt’s das fazit vorab: im großen und ganzen großartig. könnte sich glatt zu meinem jährlichen stammtermin entwickeln, sofern das wiederholt wird.
mich euphorisiert – wie bei der erstausgabe vor drei jahren auch schon – die tatsache, dass techno (bzw. besser die elektronische musik) es in ihren zahlreichen experimentiellen spielarten nach drei jahrzehnten in so einen rahmen geschafft hat und sich beides gegenseitig zu befruchten scheint. hatte zumindest beim personal den eindruck, dass wenige zwar immer noch fremdelten, andere wiederum von der informalität überaus angetan waren. steht immer noch auf meiner liste, mal tatsächlich ein klassisches konzert im großen saal zu erleben. aber selbst basslastige acts (gas, robert henke) waren dort kein problem und die transparenz im klang sucht ihresgleichen.

was ist verbesserungswürdig?

der anteil von frauen im line-up. war vor drei jahren minimal besser. aber insbesondere die ausschließlich durch herren bestrittenen konzerte im großen saal zeigen die strukturellen probleme der letzten drei jahrzehnte auf, in denen sich nicht viele damen auf den „großen“ labels (warp, ninja tune, r&s) profilieren konnten. mira calix fiele mir da ein, nur kann mensch sie leider nicht mehr fragen. glaube jedoch, dass sich bei ihr wie bei meinen wunschkandidatinnen (sarah davachi, kali malone) während der zusammenstellung des line-ups die frage gestellt hätte, ob der bekanntheitsgrad dem kartenvorverkauf zuträglich ist.
so finden die damen (wie vor drei jahren auch) leider auf dem nebenschauplatz im foyer statt. als ausgleich zu drinnen hätte ich’s besser gefunden, ihnen im foyer mehr raum zu geben (neben upsammy und nídia hätte lady starlight oder auch dasha rush für meine begriffe dort ziemlich gut gepasst). ich befürchte jedoch, dass dieses strukturelle problem, was selbst in den clubs erst seit wenigen jahren im bewusstsein angekommen und schwierig umzusetzen ist, dauerbrennerthema bei eventuellen wiederholungen in den nächsten jahren bleibt.

großes votum für eine vierpunkt-beschallung im foyer. der raum bringt schon von sich aus jede menge reverb mit, so dass feinheiten im sound untergehen, sobald mensch im hinteren drittel steht. war gerade bei upsammy zu merken, bei deren stil die feinheiten im hintergrund stattfinden, was vorne wahrscheinlich deutlich zu hören war. hinten kamen dann eher die rhythmischen strukturen an.
ideal wäre im foyer noch das mapping der visuals an der schrägen decke. bei beiden wünschen ist’s aber für mich gerade bei den aktuellen gegebenheiten verständlich, dass die produktionskosten im blick behalten werden müssen.

als letztes (aber dafür kann die festival-organisation nichts): die partielle ignoranz des publikums. es kann nicht angehen, dass leute bei beginn von konzerten und darüber hinaus im großen saal einfach weiterquasseln, ohne überhaupt ein gespür dafür zu haben, dass die raumakustik das weiterträgt. ist nicht wie im club, bei denen die anlage alles überlagert. mir wurde zugetragen, dass jemensch die gesamte erste hälfte des gas-sets einfach gefilmt hat und dann gegangen ist.
dann noch zaungäste mitten auf der tanzfläche, was jedoch stellenweise auch als unsitte in clubs einzug gehalten hat. während des blawan-sets war mir beim vor uns mit verschränkten armen stehenden dreiertrupp schon sehr danach, ihnen (und ich bitte bei der kaum verhohlenen aggression um verzeihung) mit anlauf in den allerwertesten zu treten oder eine semi-repräsentative umfrage zu starten, woran es jetzt hapert. ehe das falsch verstanden wird: nein, es waren keine personen älteren jahrgangs, sondern allesamt aus einer jüngeren alterskohorte als meinereiner, denen ich durchaus zutraue, in den vergangenen jahren zum 4/4-takt in clubs geübt zu haben. wenn’s mir nicht zusagt, gehe ich einfach an den rand und hab ein auge dafür, ob es den leuten um mich herum gefällt. hab mich in dem fall für partielle ignoranz entschieden bzw. mir steht auch nicht der sinn nach grundsatzdebatten. auch nicht im club.

was war besser als bei der erstausgabe?

das licht im foyer, da weniger hell. klar war das immer noch sehr bühnenfixiert, was nun wiederum zum gleichen act-fixierten „phänomen“ führte, wie es sich auch mittlerweile in clubs beobachten lässt: alle tanzen in die gleiche richtung. aber die bunten spots an den säulen mit ihren wechselnden farben schufen schon mal ansatzweise clubatmosphäre.

der dramaturgische aufbau am zweiten tag. zum ersten kann ich nicht so viel sagen, da wir es erst zum finale von hauschka / angermann hingeschafft haben. damit endlich zur schlüsselfrage.

wie waren die protagonist*innen?

hauschka / angermann: überraschend perkussiv / sequentiell / loop-orientiert, bin aber auch mit seiner diskographie nicht vertraut.
nídia: da standen wir eher an der bar ganz links im foyer, wo vom sound wie bei der erstausgabe nicht viel mitzukriegen war, außer dem bass. insofern halte ich mich bei bewertungen raus.
gas: ohne worte. „neuer goldstandard“ sagte ich zu meiner begleitung danach. sind danach noch ein paar minuten sitzengeblieben, um das sacken zu lassen. gibt damit jetzt ein neues luxusproblem: sollte wolfgang voigt das nochmal aufführen, muss sich das set am erlebnis aus dem großen saal messen lassen. hab nur „zauberberg 3“ als letzten track erkannt. aber dieser transparente klang, in dem neben dem rauschen und dem wuchtigen bass alles an akkorden zu hören war sowie die ineinander fließenden strukturen bzw. das sich einfach organisch entwickelnde set war nichts weniger als ein sog, der gerne noch zwei stunden so hätte weitergehen können. war jedenfalls mehr als eine entschädigung für die unterirdischen akustischen gegebenheiten in der volksbühne anno 2009. großartig. punkt.
marcel dettmann hat für mich gezeigt, welchen anteil er daran hatte, dass die mittage im berghain vor 15 jahren immer länger wurden, wenn er für den schluss angesetzt war. wuchtige bassläufe, hin und wieder dichtere hihats, rauh in der soundästhetik und sexy im groove zugleich. dazu noch abwechslungsreich im stil. ein auf seine art und weise ähnlicher sog wie bei wolfgang voigt zuvor drinnen – mit stellenweise richtiger clubatmosphäre (und meinem vorsatz, ihn zeitnah mal wieder beim heimspiel am wriezener karree hören zu wollen).
upsammy kam am tag darauf erst in ihrer letzten halben stunde in schwung. weite teile ihrer ersten hälfte wirkten statisch, zumindest so als ob ein rhythmischer loop läuft. aber wie erwähnt: eindruck aus der hinteren hälfte, ohne wirklich was von den dahinter liegenden sounds mitbekommen zu haben. wenn jemensch der hier mitlesenden in den vorderen reihen stand, bitte ggf. flankieren / widersprechen.
transformed acoustix: bei simon stockhausen lief alles im mixer und damit beim arrangement zusammen – also live aufgenommene bratsche, kontrabass sowie xylophone / andere schlaginstrumente. das alles durch effektgeräte geschickt, verfremdet, mit dem bereits vom vater bekannten blubber-sounds versehen. war schon interessant zu hören und hätte nicht unbedingt die passage mit den beats darunter gebraucht. wirkte als zugeständnis daran, nicht die ganze zeit zu experimentiell klingen zu wollen, wobei ich einfach mal annehme, dass manche sich im voraus ein bis zwei stücke seines vaters angehört haben und er auch gerne aus dessen schatten treten würde. war jedenfalls nicht deplatziert, aber halt auch schwer zugänglich. kann mensch jetzt darüber streiten, ob das nicht eher intellektuelles schaulaufen oder als grundlage für die entwicklung der zugänglicheren tanzbaren musik unabdingbar ist. da der rest des festivals beides gut miteinander vereinbaren konnte, fand ich’s gerade zu der uhrzeit richtig platziert.
blawan: zog kompromisslos seinen stil und sein tempo durch. meine damen und herren von der 150+-bpm-fraktion: so geht das! keine stur gleich klingende kickdrum, sondern swingende hihats, rave-basslines nur wo sie sein müssen, ansonsten wird der sub-bereich nicht vernachlässigt und einfach spaß gehabt anstatt nur hart klingen zu wollen. würde ich so kaufen, wenn das im laufe des jahres auf ternesc (oder sonstwo) erscheint.
robert henke: der ansatz des projektes ist auf seiner website hinreichend beschrieben. für mich ist er wegen so vielem im positiven sinne zu beneiden: er hält so gut wie alle fäden bei der konzeptionellen entwicklung und der umsetzung (programmierung der soft- und hardware) in der hand. bei ihm trifft die kombination aus einem unbändigen forschergeist und einer bodenhaftung zu, mit der er für jede*n verständlich erklärt, welche motivation seinen projekten zugrunde liegt und wie sich das technisch umsetzen lässt. dazu noch diese diebische jungenhafte freude beim spielen (gerade wenn er merkt, dass es klappt), wo er zeigt, dass sich aus vermeintlich antiquierten maschinen sounds vermeintlich angestaubte sounds kitzeln lassen, die sich aber so bearbeiten lassen, dass es – wie eine gute monolake-produktion – zeitlos klingt und dabei höllisch tanzbar ist. mehr als verdiente standing ovations, mein höhepunkt des samstages.
juan atkins: ist mir bereits im tresor nicht als technisch bester dj aus motor city begegnet, entsprechend wenig habe ich erwartet. lag auch dieses mal beim beatmatching sehr häufig daneben. großes „aber“: auswahl und abfolge der tracks haben das set überraschend gut werden lassen bzw. richtiggehend hochgerissen. außerdem erkennt er schnell genug, wann es keinen sinn mehr ergibt, den übergang noch retten zu wollen und er blendet dann schnell über. schlüsseltracks im set räumt er genügend zeit ein – und derer gab es einige. klar war’s ein schaulaufen bzw. best-of dessen, was detroit hervorgebracht und auch beeinflusst hat („computerwelt“ von kraftwerk war der erste track) und manchen connaisseuren vielleicht nicht tief genug in der kiste gewühlt, obwohl er (dankenswerterweise) offensichtliche hits vermieden hat (knights of the jaguar, the bells). ich hatte dank begleitung jedenfalls richtig viel spaß daran, wieder mal tracks zu hören (und sie zum teil sogar richtig zuordnen zu können), die vor 25 jahren große spuren hinterlassen haben und dank tresor sowie hardwax im subkulturellen gedächtnis der stadt eingebrannt sind. dabei auch kurz die gewissensbisse überwunden, als „strings of life“ lief, der trotz filigraner melodie auch einen ganz schönen punch mit sich bringt und das publikum im foyer mitfedern ließ. da habe ich die vorwürfe an derrick may ausgeblendet und mich lieber über die existenz solch toller tracks gefreut. da der detroit-anteil im set mindestens 80% betragen hat, rief das set eindrucksvoll in erinnerung, wieviel seele und funk in den meisten der produktionen der ersten und zweiten welle stecken und wie gut die tracks nach mittlerweile bis mehr als 30 jahren gealtert sind. außerdem hat er zum schluss mit blick nach vorne (indem er u.a. „feeling normal“ von calibre spielte) gezeigt, dass er nicht in der suppe der vergangenheit schmoren möchte, sondern das ohr am aktuellen geschehen behält. sein set hat mir damit ein ziemlich gutes gefühl vermittelt: auch wenn da eine legende steht, deren ruf sich eher auf die bahnbrechenden produktionen und weniger auf die dj-qualitäten stützt (beides kommt bei jeff mills gut zusammen, den mensch durchaus für eine der nächsten ausgaben anfragen könnte), stellt diese sich in den dienst der musik und vermittelt zwischen (vermeintlich) altem und neuem bzw. zeigt auf, was den charakter dieser musik ausmachen sollte: zeitlosigkeit. dabei bewahrt er sich eine bescheidenheit, die gesichter bzw. bühnenpräsenz und marketing in den hintergrund stellt. alte schule im besten sinne also.

trackauswahl (shazam hat stets versagt, und das gedächtnis auch gerne mal. daher auch mit schützenhilfe generiert.)

marcel dettmann:
milanese – vanilla monkey
telex – radio radio (the tellurians mix)
fischerspooner – emerge (naughty’s peaktime mix)

juan atkins:
kraftwerk – computerwelt
giorgio moroder – chase
derrick may – drama / strings of life
model 500 – no ufos
octave one – i believe
reese – rock to the beat
carl craig – twilight / chicken noodle soup
maurizio – domina (carl craig’s mind mix)
plastikman – spastik
nightcrawlers – push the feeling on (the dub of doom) (direkt danach)
convextion – miranda
joey beltram – instant (juan atkins remix)
robert hood – aural 721 / quartz
jeff mills – captivate
underground resistance – hi-tech jazz / the final frontier
calibre – feeling normal